Mittwoch, 10. April 2013

Vorstellung bei Hofe

 
Gedanken zu einem Foto
Unser Foto zeigt eine junge Dame in der repräsentativen Mode des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Der voluminöse Hut scheint fast ein wenig zu schwer für die anmutige Gestalt. Solche Hüte konnten sich zu wahren Kunstwerken steigern, und die Modistin war einer der wenigen anerkannten Frauenberufe. Nachdem die Epoche des eher bescheidenen Biedermeier ihr Ende gefunden hatte, setzte die Mode noch einmal zu einem Steilflug an, beflügelt von den europäischen Kaiserhöfen Wien, St.Petersburg und Berlin. Sie zeigte sich beeinflusst von alten Vorbildern und neuen Sehgewohnheiten. Die hier vorgestellte junge Dame hätte sehr wohl das Auge eines Edgar Degas, eines Claude Monet oder sogar das eines Adolph Menzel entzücken können.
Diese junge Dame ist 23 Jahre alt, Tochter aus angesehenem adligen Haus. Die Kabinettaufnahme wurde anlässlich ihrer Vorstellung bei Hofe 1899 angefertigt, und das Kleid wird seine Schönheit und Harmonie erst so richtig beim Hofball entfalten, vor allem bei den kreisenden Bewegungen des Walzers. Der Hof des Großherzogs von Mecklenburg-Schwerin hat sich in der kleinen Sommerresidenz Ludwigslust versammelt, gesteuert von Repräsentation und Protokoll. Und die junge Dame ist Gertrud von le Fort, die zwanzig Jahre später den Zusammenbruch dieser Welt der Schönen und Reichen erleben und ein literarisches Werk von Weltgeltung schaffen wird.
 


Dienstag, 26. März 2013

Ostern
















Ich lebte in Katakomben
vornehm tapeziert
mit Rembrandt und alten Geigen
und lauschte lächelnd
dem Legato des Herzschlags
beim gedämpften Kritzeln der Feder

Geflüsterten Fragen
gab ich höflich Bescheid
in Konjunktiven

Hinter Beton und Schleiern
verspeiste ich täglich
Konserven und Schatten

Da zersprangen die Saiten
blind wurden die Farben
und ich warf die Feder fort
in die leeren Konservendosen
und wühlte mich wieder ins Freie

Der Schnee ist geschmolzen
meine Füße sind nass
und der Zug hat Verspätung
auch das noch!

Doch ich zog ja den Schlüssel ab
und warf ihn ins Wasser
und hoffe
ihn nicht wiederzufinden.

Renate Krüger

Mittwoch, 13. März 2013

Vorahnungen...


 
Johannes der Täufer zog sich nach dem biblischen Bericht in die Einsamkeit der Wüste zurück, um mit sich, der Welt und seiner Aufgabe, den Messias zu verkünden, ins Reine zu kommen. Diese Situation schildert der altniederländische Maler Geertgen tot Sint Jans (1465-1495). Er malt jedoch nicht die Wüste, sondern eine idyllische, abwechslungsreiche Landschaft mit Bäumen und Sträuchern und dem Ausblick auf ferne blaue Berge. Eine Umgebung, für die man heute den Ausdruck „Wohlfühllandschaft“ prägen würde. Aber trotz dieser angenehmen heiteren Atmosphäre strahlt Johannes keine Wohlfühl-Atmosphäre aus, sondern Ernst und Nachdenklichkeit, ja, auch Verlassenheit und Ratlosigkeit. Seine Gestalt verschwindet unter Obergewand, Überwurf und ungeschorenem Haupthaar, die nackten Füße scheinen zu frieren. Seine Umgebung nimmt er nicht wahr; er blickt nach innen und lässt sich auf Konfrontation mit sich selbst ein. Ahnt er, was ihm bevorsteht? Nach kurzer Zeit schon wird sein abgeschlagenes Haupt auf einer Schüssel einem perversen Herrscher präsentiert…

Montag, 18. Februar 2013

Den ermordeten Bäumen


Und wieder kreischen die Sägen,
und wieder fällt ein Baum.
Der Schreibtisch hat es genehmigt.
Vorbei der grüne Traum.
Was in Jahrzehnten gewachsen
ist in Minuten dahin.
Ein Baum kann sich nicht wehren
bei so viel Ordnungssinn
in Gutachten und Statistik,
und alles ist ganz legal.
Man muss den Bestand erneuern,
wie’s das Gesetz befahl.
Die Vögel trauern im Chore
Und Käfer und Spinnen dazu.
Bis neue Bäume gewachsen,
ging alles zur ewigen Ruh.
Und nächtens hört man’s wispern:
Hier war einmal unser Raum.
Doch dann kamen Axt und Säge.
Ade, du Traum vom Baum.
Renate Krüger

Sonntag, 10. Februar 2013

Prinzessin Christelchen


 
 
Leseprobe aus dem ersten Roman von Gertrud von le Fort

Die kleine Prinzessin hatte sich einen Stuhl ans Fenster gezogen und presste den Kopf gegen die kühlen Scheiben. Wie wunderschön war es doch, hier allein zu sein! Sie hatte das so selten. Horch! Wieder ein Wagen! Neugierig blickte die Prinzessin hinunter. So also sah man aus, wenn man als junges Mädchen zum Ball fuhr! In große Abendmäntel gehüllt stiegen eben zwei junge Damen in Begleitung einer älteren aus dem Wagen. Im Schein der hellen Lichter vor der Einfahrt des Schlosses konnte Prinzessin Christine ihre Gesichter deutlich erkennen. Die eine sah strahlend aus in froher Erwartung, die andere ein wenig aufgeregt, beinahe ängstlich.

Eben kamen von der anderen Seite mehrere junge Offiziere. Einer von ihnen sprach die Ängstliche an, wahrscheinlich benutzte er das Zusammentreffen, sie gleich um einen Tanz zu bitten. Sie nickte und lächelte – jetzt sah sie nicht mehr ängstlich aus. Es musste doch ein eigener Reiz darinnen liegen, zum Tanze aufgefor­dert zu werden. Prinzessin Christine seufzte. Sie durfte ja nur befehlen – ach, immer nur befehlen!

Montag, 28. Januar 2013

Die Torwache


 
Zu den bekanntesten und tiefgründigsten Bildern der Schweriner Gemäldegalerie gehört „Die Torwache“ von Carel Fabritius. Die zeitgenössischen holländischen Bildbetrachter mögen erstaunt bis verärgert auf diese Darstellung geblickt haben. Das soll ein Torwächter sein, ein Soldat, ein Garant von Ordnung und Sicherheit? Eher ein Verhaltensmuster für Penner und Gammler... Hält dieser Soldat wirklich Wache am Tor? Keineswegs. Er hockt auf einer niedrigen Bank und scheint zu schlafen. Doch bei genauem Hinsehen merkt man, dass er eben nicht schläft. Er hantiert am Schloss seines Gewehres, einer Flinte, die man wohl hundert Jahre vor dieser Zeit gebraucht haben mochte. Eine Waffe aus dem Krieg gegen die Spanier, aus jener heroischen Zeit Hollands. Dieser Soldat aber ist nicht mehr heroisch. Er träumt in der heißen Mittagssonne vor sich hin und denkt an keinen Feind. Wer soll hier schon vorbeikommen? Der Soldat ist eigentlich überflüssig.

Mittwoch, 23. Januar 2013

Frühlingssehnsucht


                                                                                 
Schneeglöckchen
Ein schwerer Schnee
auf frühen Blüten
die schon begannen
zu sein und zu klingen

Noch nicht
zu früh
noch einmal warten
wie lange

 Zentnerlast
 auf zarten Spitzen
 können sie’s tragen?
    
Sie haben in die Last
eine Höhle gebaut
und wärmen sich
an eigener Hoffnung
und schmelzen den Schnee

Renate Krüger