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Samstag, 30. April 2016

Selbstfindung



Verlässt du nicht
die Väterwelt
wirst du ihr Opfer
sie bleibt dir kalt
auch bitt'rer Abschied
führt zur Liebe
und macht dich frei
von Staub und Hass
Was du ererbt
von deinen Vätern hast
verwirf es
um es zu besitzen

Dienstag, 26. März 2013

Ostern
















Ich lebte in Katakomben
vornehm tapeziert
mit Rembrandt und alten Geigen
und lauschte lächelnd
dem Legato des Herzschlags
beim gedämpften Kritzeln der Feder

Geflüsterten Fragen
gab ich höflich Bescheid
in Konjunktiven

Hinter Beton und Schleiern
verspeiste ich täglich
Konserven und Schatten

Da zersprangen die Saiten
blind wurden die Farben
und ich warf die Feder fort
in die leeren Konservendosen
und wühlte mich wieder ins Freie

Der Schnee ist geschmolzen
meine Füße sind nass
und der Zug hat Verspätung
auch das noch!

Doch ich zog ja den Schlüssel ab
und warf ihn ins Wasser
und hoffe
ihn nicht wiederzufinden.

Renate Krüger

Montag, 18. Februar 2013

Den ermordeten Bäumen


Und wieder kreischen die Sägen,
und wieder fällt ein Baum.
Der Schreibtisch hat es genehmigt.
Vorbei der grüne Traum.
Was in Jahrzehnten gewachsen
ist in Minuten dahin.
Ein Baum kann sich nicht wehren
bei so viel Ordnungssinn
in Gutachten und Statistik,
und alles ist ganz legal.
Man muss den Bestand erneuern,
wie’s das Gesetz befahl.
Die Vögel trauern im Chore
Und Käfer und Spinnen dazu.
Bis neue Bäume gewachsen,
ging alles zur ewigen Ruh.
Und nächtens hört man’s wispern:
Hier war einmal unser Raum.
Doch dann kamen Axt und Säge.
Ade, du Traum vom Baum.
Renate Krüger

Mittwoch, 23. Januar 2013

Frühlingssehnsucht


                                                                                 
Schneeglöckchen
Ein schwerer Schnee
auf frühen Blüten
die schon begannen
zu sein und zu klingen

Noch nicht
zu früh
noch einmal warten
wie lange

 Zentnerlast
 auf zarten Spitzen
 können sie’s tragen?
    
Sie haben in die Last
eine Höhle gebaut
und wärmen sich
an eigener Hoffnung
und schmelzen den Schnee

Renate Krüger

Dienstag, 22. Januar 2013


In einem alten Buche fand ich Testamente
Gestalt, als Pflanze noch erkenntlich
dem Buche anvertraut in fernen Zeiten
als Kaiser straff noch die Geschicke lenkten
als Segel Wind zu neuen Küsten fingen
als Mozarts Sonnenorgel Horizonte färbte.
Herausgerissen aus dem Kreislauf grünen Lebens
verwandelten die Pflanzen Frucht und Samen
in Auftrag, Botschaft, Lese-Zeichen.
Ich lese Worte, die nicht gleiten wollen
in Bildschirmzeile, Nutzanweisung.
Sanft streicht die Hand die Pflanzenbriefe
winkt dankend dem, der sie einst schrieb.
Renate Krüger

Montag, 31. Dezember 2012

Alles Gute zum Neuen Jahr



Neujahrssturm

 Ein heulender Geselle
 stampft über die Jahresschwelle
 mit ungeputztem Schuh
 und reißt aus himmlischer Ruh
 den Knaben im lockigen Haar
 und den Schnee vom vorigen Jahr.
 Viel Neues hat angefangen
 bevor das Alte vergangen.
 Der Sturm trennt nicht alt und neu
 treibt heutige Zeitung als Spreu.
 Nun öffne den Schlagbaum der Zeit
 und pfeife dem Wind das Geleit.

 Renate Krüger

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Winter


Ich sagte Du zum Winter
denn will man ihn nicht zum Freund
erhält man ihn zum Feind.
Doch seine Geschenke sind hart:
das Eis wird schmutzig und stumpf
auf den Schnee legt sich Ruß
und viele Stunden sind leer
erfüllt nur von zuckenden Zweifeln.
Wären da nicht die Bilder des Herbstes:
Sonne über dem See
die letzten Blumen im Garten
und Wärme aus hilfreichen Händen
ich würde erstarren
in Ultima Thule.
Wären da nicht die Träume des Frühlings:
ein warmer Regen
Fliederknospen am Bahndamm
und ein Gast auf den Schienen aus Süden
ich würde erstarren
                                                   in Ultima Thule.

                                                             Renate Krüger

Montag, 11. Juni 2012

Verzicht


Im Sommer des Schmetterlings
still leuchtender Samt
vor zittrigen Gräsern
erfüllt mich mit Sehnsucht.
Allein diese Schönheit
sich selbst verständlich
sich selbst genügend
stimmt zarteste Saiten
zu wehmütgem Spiel.
Nein, halt ihn nicht fest!
Du hältst in den Händen
nur bunten Staub
und zuckende Adern.
Lass dir genügen
am leuchtenden Samt
vor zittrigen Gräsern
am stillen Leben
                                                          der Schönheit im Licht.

                                                                                                      Renate Krüger