Zu den
bekanntesten und tiefgründigsten Bildern der Schweriner Gemäldegalerie gehört
„Die Torwache“ von Carel Fabritius. Die zeitgenössischen holländischen Bildbetrachter
mögen erstaunt bis verärgert auf diese Darstellung geblickt haben. Das soll ein
Torwächter sein, ein Soldat, ein Garant von Ordnung und Sicherheit? Eher ein Verhaltensmuster
für Penner und Gammler... Hält dieser Soldat wirklich Wache am Tor? Keineswegs.
Er hockt auf einer niedrigen Bank und scheint zu schlafen. Doch bei genauem
Hinsehen merkt man, dass er eben nicht schläft. Er hantiert am Schloss seines
Gewehres, einer Flinte, die man wohl hundert Jahre vor dieser Zeit gebraucht
haben mochte. Eine Waffe aus dem Krieg gegen die Spanier, aus jener heroischen
Zeit Hollands. Dieser Soldat aber ist nicht mehr heroisch. Er träumt in der
heißen Mittagssonne vor sich hin und denkt an keinen Feind. Wer soll hier schon
vorbeikommen? Der Soldat ist eigentlich überflüssig.
Nur
der kleine schwarze Hund passt auf. Ihm allein scheint alle Wachsamkeit übertragen
zu sein. Er achtet auf jede Bewegung des Torwächters. Vielleicht wird er ihn
ganz wachbellen, wenn es nötig sein sollte. Das Bild zeigt eine
unübersichtliche Situation, einen willkürlich wirkenden Ausschnitt. Der Durchgang
kennzeichnet nicht gerade ein strategisches Nadelöhr. Wozu hier noch ein Wächter?
Fast alles Dargestellte hat seine Funktion verloren, ist unnütz geworden. Die
alte Säule ist nur zufällig stehengeblieben; sie trägt nichts außer einem grasbewachsenen
Kapitell und einer gedruckten Bekanntmachung, die die Aufmerksamkeit nicht
sonderlich herausfordert. Das Relief des heiligen Antonius mit dem Schwein,
einst vielleicht als Schutzpatron verehrt, wirkt in seiner willkürlichen
Halbierung eher wie eine Karikatur. Nichts garantiert, dass das altbewährte
Fallgitter, dessen untere Stabenden wie Zähne in einem offenen Mund stehen,
noch funktionstüchtig ist.
Der
Weg durch das Stadttor biegt jäh nach rechts ab und gewährt keinen Blick auf
irgendein Ziel, sondern wirkt wie ein beklemmendes Traumbild. Ein rotes Dach hinter
der Mauer, ein Baumwipfel im gelbgrünen Laub - ist das alles? Warum zeigt der Maler
nur ein so winziges Stück Treppe, die zu keinem Aufstieg auffordert? Auch der
Blick in den dunklen höhlenartigen Eingang wirkt wie ein Bild aus einem Traum. Von
den Steinen bröckelt es, das Spalier im Hintergrund ist zerbrochen. Der
Torwächter hat sich auf einer viel zu niedrigen, ganz und gar unbequemen Bank
niedergelassen und weiß nicht so recht, wie er seine Beine platzieren soll.
Der
Torwächter erinnert eher an einen entfernten Verwandten des Don Quichotte als
an einen Vertreter der altehrwürdigen niederländischen Schützengilden, die
immer so großen Wert darauf legten, als reputierliche, vertrauenerweckende
Leute gemalt zu werden. Dieser Mann ist ziemlich heruntergekommen. Seine
Kleidung ist alles andere als militärisch proper. Die Zeit, da Löcher noch
gestopft werden konnten, ist vorbei. Ungeniert zeigt sich bereits das nackte
Knie. Das Bandelier, an dem der Säbel hängt, ist von der Schulter gerutscht,
und der junge Mann macht sich nicht mehr die Mühe, es heraufzuschieben.
Nur ein Gegenstand wirkt gepflegt und gebrauchsfähig:
der blanke Helm. Er bildet einen scharfen blanken Punkt innerhalb der stumpfen
tonigen Malerei. Er wirkt wie ein kostbarer Gegenstand, der nur durch das Licht
zu diesem besonderen Leben erweckt wird, nicht wie ein Objekt aus einem militanten
Ausrüstungsarsenal. Unter dem Helm verschwinden die langen ungepflegten Haare,
der Helm verbirgt auch die Augen.
Aber
da ist noch mehr... Ein bewaffneter Wächter an einem Stadttor ist nicht nur Garant
für Sicherheit und Geborgenheit innerhalb der eigenen Mauern, sondern hält auch
die überkommenen Feindbilder lebendig: nicht nur das der Eroberer von außen, sondern
auch das der inneren Problemfälle, der Landstreicher und Gesetzlosen, die sich
herein- oder hinausschleichen wollen.
Feindbilder
haben die unangenehme Eigenschaft, in unkontrolliertes Wuchern zu geraten und
zum Krebsgeschwür innerhalb des gesellschaftlichen Organismus zu werden. Die
Geschichte der Menschheit ist über weite Strecken hin die Geschichte von Feindbildern.
Diese
Darstellung gibt den überkommenen Feindbildern kaum noch Raum. Friedlich geht
es zu. Der Tor- und Mauerwächter ist keine Bedrohung mehr. Aber er ist auch
kein Schutz mehr. Das führt zu der Frage: Können Bedrohungen durch Tore und
Mauern wirklich abgewehrt werden? Diese Mauer wird bald fallen... Das
Bedrohliche ist zur Episode geworden, zum kurzlebigen Augenblick als Station in
einer Kette von Veränderungen.
„Die
Torwache“ ist kein Genrebild, obgleich eine typische zeithistorische Situation gezeigt
wird. Ein Wächter beschäftigt sich mit seinem Gewehr. Aber hier wird doch viel
mehr angeboten, als ein kulturhistorisch interessanter Einblick in damalige Lebensverhältnisse,
nämlich die Manifestation und Bündelung von Leben und Wahrnehmen in einem Augenblick. Das Leben erscheint in
einmaliger Dichte und Tiefendimension und wird auch so wahrgenommen. Die Zeit
scheint still zu stehen. Solche Ereignislosigkeit kann freilich auch bedrückend
wirken. Eine eigentümliche Lichtwirkung zeigt sich in der Brechung
grau-grün-braun, ohne dass eine Lichtquelle zu erkennen wäre. Die Sonne strahlt
nicht, sondern sendet ein schwüles milchiges Licht, das an die Stimmung vor
einem Gewitter erinnert.
Der
holländische Maler Carel Fabritius schuf dieses Bild wenige Monate vor seinem
Tod, den er bei der Explosion des Delfter Pulverturms 1654 im Alter von 32
Jahren fand.

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