Montag, 28. Januar 2013

Die Torwache


 
Zu den bekanntesten und tiefgründigsten Bildern der Schweriner Gemäldegalerie gehört „Die Torwache“ von Carel Fabritius. Die zeitgenössischen holländischen Bildbetrachter mögen erstaunt bis verärgert auf diese Darstellung geblickt haben. Das soll ein Torwächter sein, ein Soldat, ein Garant von Ordnung und Sicherheit? Eher ein Verhaltensmuster für Penner und Gammler... Hält dieser Soldat wirklich Wache am Tor? Keineswegs. Er hockt auf einer niedrigen Bank und scheint zu schlafen. Doch bei genauem Hinsehen merkt man, dass er eben nicht schläft. Er hantiert am Schloss seines Gewehres, einer Flinte, die man wohl hundert Jahre vor dieser Zeit gebraucht haben mochte. Eine Waffe aus dem Krieg gegen die Spanier, aus jener heroischen Zeit Hollands. Dieser Soldat aber ist nicht mehr heroisch. Er träumt in der heißen Mittagssonne vor sich hin und denkt an keinen Feind. Wer soll hier schon vorbeikommen? Der Soldat ist eigentlich überflüssig.



Nur der kleine schwarze Hund passt auf. Ihm allein scheint alle Wachsamkeit übertragen zu sein. Er achtet auf jede Bewegung des Torwächters. Vielleicht wird er ihn ganz wachbellen, wenn es nötig sein sollte. Das Bild zeigt eine unübersichtliche Situation, einen willkürlich wirkenden Ausschnitt. Der Durchgang kennzeichnet nicht gerade ein strategisches Nadelöhr. Wozu hier noch ein Wächter? Fast alles Dargestellte hat seine Funktion verloren, ist unnütz geworden. Die alte Säule ist nur zufällig stehengeblieben; sie trägt nichts außer einem grasbewachsenen Kapitell und einer gedruckten Bekanntmachung, die die Aufmerksamkeit nicht sonderlich herausfordert. Das Relief des heiligen Antonius mit dem Schwein, einst vielleicht als Schutzpatron verehrt, wirkt in seiner willkürlichen Halbierung eher wie eine Karikatur. Nichts garantiert, dass das altbewährte Fallgitter, dessen untere Stabenden wie Zähne in einem offenen Mund stehen, noch funktionstüchtig ist.
Der Weg durch das Stadttor biegt jäh nach rechts ab und gewährt keinen Blick auf irgendein Ziel, sondern wirkt wie ein beklemmendes Traumbild. Ein rotes Dach hinter der Mauer, ein Baumwipfel im gelbgrünen Laub - ist das alles? Warum zeigt der Maler nur ein so winziges Stück Treppe, die zu keinem Aufstieg auffordert? Auch der Blick in den dunklen höhlenartigen Eingang wirkt wie ein Bild aus einem Traum. Von den Steinen bröckelt es, das Spalier im Hintergrund ist zerbrochen. Der Torwächter hat sich auf einer viel zu niedrigen, ganz und gar unbequemen Bank niedergelassen und weiß nicht so recht, wie er seine Beine platzieren soll.
Der Torwächter erinnert eher an einen entfernten Verwandten des Don Quichotte als an einen Vertreter der altehrwürdigen niederländischen Schützengilden, die immer so großen Wert darauf legten, als reputierliche, vertrauenerweckende Leute gemalt zu werden. Dieser Mann ist ziemlich heruntergekommen. Seine Kleidung ist alles andere als militärisch proper. Die Zeit, da Löcher noch gestopft werden konnten, ist vorbei. Ungeniert zeigt sich bereits das nackte Knie. Das Bandelier, an dem der Säbel hängt, ist von der Schulter gerutscht, und der junge Mann macht sich nicht mehr die Mühe, es heraufzuschieben. Nur  ein  Gegenstand wirkt gepflegt und gebrauchsfähig: der blanke Helm. Er bildet einen scharfen blanken Punkt innerhalb der stumpfen tonigen Malerei. Er wirkt wie ein kostbarer Gegenstand, der nur durch das Licht zu diesem besonderen Leben erweckt wird, nicht wie ein Objekt aus einem militanten Ausrüstungsarsenal. Unter dem Helm verschwinden die langen ungepflegten Haare, der Helm verbirgt auch die Augen.

Aber da ist noch mehr... Ein bewaffneter Wächter an einem Stadttor ist nicht nur Garant für Sicherheit und Geborgenheit innerhalb der eigenen Mauern, sondern hält auch die überkommenen Feindbilder lebendig: nicht nur das der Eroberer von außen, sondern auch das der inneren Problemfälle, der Landstreicher und Gesetzlosen, die sich herein- oder hinausschleichen wollen.

Feindbilder haben die unangenehme Eigenschaft, in unkontrolliertes Wuchern zu geraten und zum Krebsgeschwür innerhalb des gesellschaftlichen Organismus zu werden. Die Geschichte der Menschheit ist über weite Strecken hin die Geschichte von Feindbildern.
Diese Darstellung gibt den überkommenen Feindbildern kaum noch Raum. Friedlich geht es zu. Der Tor- und Mauerwächter ist keine Bedrohung mehr. Aber er ist auch kein Schutz mehr. Das führt zu der Frage: Können Bedrohungen durch Tore und Mauern wirklich abgewehrt werden? Diese Mauer wird bald fallen... Das Bedrohliche ist zur Episode geworden, zum kurzlebigen Augenblick als Station in einer Kette von Veränderungen.
„Die Torwache“ ist kein Genrebild, obgleich eine typische zeithistorische Situation gezeigt wird. Ein Wächter beschäftigt sich mit seinem Gewehr. Aber hier wird doch viel mehr angeboten, als ein kulturhistorisch interessanter Einblick in damalige Lebensverhältnisse, nämlich die Manifestation und Bündelung von Leben und Wahrnehmen in einem Augenblick. Das Leben erscheint in einmaliger Dichte und Tiefendimension und wird auch so wahrgenommen. Die Zeit scheint still zu stehen. Solche Ereignislosigkeit kann freilich auch bedrückend wirken. Eine eigentümliche Lichtwirkung zeigt sich in der Brechung grau-grün-braun, ohne dass eine Lichtquelle zu erkennen wäre. Die Sonne strahlt nicht, sondern sendet ein schwüles milchiges Licht, das an die Stimmung vor einem Gewitter erinnert.

Der holländische Maler Carel Fabritius schuf dieses Bild wenige Monate vor seinem Tod, den er bei der Explosion des Delfter Pulverturms 1654 im Alter von 32 Jahren fand.



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