Johannes der Täufer zog
sich nach dem biblischen Bericht in die Einsamkeit der Wüste zurück, um mit
sich, der Welt und seiner Aufgabe, den Messias zu verkünden, ins Reine zu
kommen. Diese Situation schildert der altniederländische Maler Geertgen tot
Sint Jans (1465-1495). Er malt jedoch nicht die Wüste, sondern eine idyllische,
abwechslungsreiche Landschaft mit Bäumen und Sträuchern und dem Ausblick auf
ferne blaue Berge. Eine Umgebung, für die man heute den Ausdruck „Wohlfühllandschaft“
prägen würde. Aber trotz dieser angenehmen heiteren Atmosphäre strahlt Johannes
keine Wohlfühl-Atmosphäre aus, sondern Ernst und Nachdenklichkeit, ja, auch
Verlassenheit und Ratlosigkeit. Seine Gestalt verschwindet unter Obergewand,
Überwurf und ungeschorenem Haupthaar, die nackten Füße scheinen zu frieren.
Seine Umgebung nimmt er nicht wahr; er blickt nach innen und lässt sich auf
Konfrontation mit sich selbst ein. Ahnt er, was ihm bevorsteht? Nach kurzer
Zeit schon wird sein abgeschlagenes Haupt auf einer Schüssel einem perversen
Herrscher präsentiert…
Mittwoch, 13. März 2013
Montag, 18. Februar 2013
Den ermordeten Bäumen
Und
wieder kreischen die Sägen,
und
wieder fällt ein Baum.
Der
Schreibtisch hat es genehmigt.
Vorbei
der grüne Traum.
Was
in Jahrzehnten gewachsen
ist
in Minuten dahin.
Ein
Baum kann sich nicht wehren
bei
so viel Ordnungssinn
in Gutachten und Statistik,
und
alles ist ganz legal.
Man
muss den Bestand erneuern,
wie’s
das Gesetz befahl.
Die
Vögel trauern im Chore
Und
Käfer und Spinnen dazu.
Bis
neue Bäume gewachsen,
ging
alles zur ewigen Ruh.
Und
nächtens hört man’s wispern:
Hier
war einmal unser Raum.
Doch
dann kamen Axt und Säge.
Ade,
du Traum vom Baum.
Renate
Krüger
Sonntag, 10. Februar 2013
Prinzessin Christelchen
Leseprobe aus dem ersten Roman von Gertrud von le Fort
Die kleine Prinzessin hatte sich einen Stuhl ans Fenster gezogen und presste den Kopf gegen die kühlen Scheiben. Wie wunderschön war es doch, hier allein zu sein! Sie hatte das so selten. Horch! Wieder ein Wagen! Neugierig blickte die Prinzessin hinunter. So also sah man aus, wenn man als junges Mädchen zum Ball fuhr! In große Abendmäntel gehüllt stiegen eben zwei junge Damen in Begleitung einer älteren aus dem Wagen. Im Schein der hellen Lichter vor der Einfahrt des Schlosses konnte Prinzessin Christine ihre Gesichter deutlich erkennen. Die eine sah strahlend aus in froher Erwartung, die andere ein wenig aufgeregt, beinahe ängstlich.
Die kleine Prinzessin hatte sich einen Stuhl ans Fenster gezogen und presste den Kopf gegen die kühlen Scheiben. Wie wunderschön war es doch, hier allein zu sein! Sie hatte das so selten. Horch! Wieder ein Wagen! Neugierig blickte die Prinzessin hinunter. So also sah man aus, wenn man als junges Mädchen zum Ball fuhr! In große Abendmäntel gehüllt stiegen eben zwei junge Damen in Begleitung einer älteren aus dem Wagen. Im Schein der hellen Lichter vor der Einfahrt des Schlosses konnte Prinzessin Christine ihre Gesichter deutlich erkennen. Die eine sah strahlend aus in froher Erwartung, die andere ein wenig aufgeregt, beinahe ängstlich.
Eben kamen
von der anderen Seite mehrere junge Offiziere. Einer von ihnen sprach die
Ängstliche an, wahrscheinlich benutzte er das Zusammentreffen, sie gleich um
einen Tanz zu bitten. Sie nickte und lächelte – jetzt sah sie nicht mehr
ängstlich aus. Es musste doch ein eigener Reiz darinnen liegen, zum Tanze
aufgefordert zu werden. Prinzessin Christine seufzte. Sie durfte ja nur
befehlen – ach, immer nur befehlen!
Montag, 28. Januar 2013
Die Torwache
Zu den
bekanntesten und tiefgründigsten Bildern der Schweriner Gemäldegalerie gehört
„Die Torwache“ von Carel Fabritius. Die zeitgenössischen holländischen Bildbetrachter
mögen erstaunt bis verärgert auf diese Darstellung geblickt haben. Das soll ein
Torwächter sein, ein Soldat, ein Garant von Ordnung und Sicherheit? Eher ein Verhaltensmuster
für Penner und Gammler... Hält dieser Soldat wirklich Wache am Tor? Keineswegs.
Er hockt auf einer niedrigen Bank und scheint zu schlafen. Doch bei genauem
Hinsehen merkt man, dass er eben nicht schläft. Er hantiert am Schloss seines
Gewehres, einer Flinte, die man wohl hundert Jahre vor dieser Zeit gebraucht
haben mochte. Eine Waffe aus dem Krieg gegen die Spanier, aus jener heroischen
Zeit Hollands. Dieser Soldat aber ist nicht mehr heroisch. Er träumt in der
heißen Mittagssonne vor sich hin und denkt an keinen Feind. Wer soll hier schon
vorbeikommen? Der Soldat ist eigentlich überflüssig.
Mittwoch, 23. Januar 2013
Frühlingssehnsucht
Schneeglöckchen
Ein schwerer Schneeauf frühen Blüten
die schon begannen
zu sein und zu klingen
Noch nicht
zu früh
noch einmal warten
wie lange
Zentnerlast
auf zarten Spitzen
können sie’s tragen?
Sie haben in die Last
eine Höhle gebautund wärmen sich
an eigener Hoffnung
und schmelzen den Schnee
Renate Krüger
Dienstag, 22. Januar 2013
In einem alten Buche fand
ich Testamente
Gestalt, als Pflanze noch
erkenntlich
dem Buche anvertraut in
fernen Zeiten
als Kaiser straff noch
die Geschicke lenkten
als Segel Wind zu neuen
Küsten fingen
als Mozarts Sonnenorgel
Horizonte färbte.
Herausgerissen aus dem
Kreislauf grünen Lebens
verwandelten die Pflanzen
Frucht und Samen
in Auftrag, Botschaft,
Lese-Zeichen.
Ich lese Worte, die nicht
gleiten wollen
in Bildschirmzeile,
Nutzanweisung.
Sanft streicht die Hand
die Pflanzenbriefe
winkt dankend
dem, der sie einst schrieb.
Renate Krüger
Mittwoch, 2. Januar 2013
Gestickte Weihnachtsbilder aus Peru
Die christliche Volkskunst in Lateinamerika ist voller Phantasie und Farbenfreude. Es ist anrührend, wie die Motive und Situationen der Weihnachtsgeschichte in die regionale Vorstellungswelt übersetzt werden. Die Exponate stammen aus der Sammlung Anne Mohr in Oberhausen.
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