Mittwoch, 13. März 2013

Vorahnungen...


 
Johannes der Täufer zog sich nach dem biblischen Bericht in die Einsamkeit der Wüste zurück, um mit sich, der Welt und seiner Aufgabe, den Messias zu verkünden, ins Reine zu kommen. Diese Situation schildert der altniederländische Maler Geertgen tot Sint Jans (1465-1495). Er malt jedoch nicht die Wüste, sondern eine idyllische, abwechslungsreiche Landschaft mit Bäumen und Sträuchern und dem Ausblick auf ferne blaue Berge. Eine Umgebung, für die man heute den Ausdruck „Wohlfühllandschaft“ prägen würde. Aber trotz dieser angenehmen heiteren Atmosphäre strahlt Johannes keine Wohlfühl-Atmosphäre aus, sondern Ernst und Nachdenklichkeit, ja, auch Verlassenheit und Ratlosigkeit. Seine Gestalt verschwindet unter Obergewand, Überwurf und ungeschorenem Haupthaar, die nackten Füße scheinen zu frieren. Seine Umgebung nimmt er nicht wahr; er blickt nach innen und lässt sich auf Konfrontation mit sich selbst ein. Ahnt er, was ihm bevorsteht? Nach kurzer Zeit schon wird sein abgeschlagenes Haupt auf einer Schüssel einem perversen Herrscher präsentiert…

Montag, 18. Februar 2013

Den ermordeten Bäumen


Und wieder kreischen die Sägen,
und wieder fällt ein Baum.
Der Schreibtisch hat es genehmigt.
Vorbei der grüne Traum.
Was in Jahrzehnten gewachsen
ist in Minuten dahin.
Ein Baum kann sich nicht wehren
bei so viel Ordnungssinn
in Gutachten und Statistik,
und alles ist ganz legal.
Man muss den Bestand erneuern,
wie’s das Gesetz befahl.
Die Vögel trauern im Chore
Und Käfer und Spinnen dazu.
Bis neue Bäume gewachsen,
ging alles zur ewigen Ruh.
Und nächtens hört man’s wispern:
Hier war einmal unser Raum.
Doch dann kamen Axt und Säge.
Ade, du Traum vom Baum.
Renate Krüger

Sonntag, 10. Februar 2013

Prinzessin Christelchen


 
 
Leseprobe aus dem ersten Roman von Gertrud von le Fort

Die kleine Prinzessin hatte sich einen Stuhl ans Fenster gezogen und presste den Kopf gegen die kühlen Scheiben. Wie wunderschön war es doch, hier allein zu sein! Sie hatte das so selten. Horch! Wieder ein Wagen! Neugierig blickte die Prinzessin hinunter. So also sah man aus, wenn man als junges Mädchen zum Ball fuhr! In große Abendmäntel gehüllt stiegen eben zwei junge Damen in Begleitung einer älteren aus dem Wagen. Im Schein der hellen Lichter vor der Einfahrt des Schlosses konnte Prinzessin Christine ihre Gesichter deutlich erkennen. Die eine sah strahlend aus in froher Erwartung, die andere ein wenig aufgeregt, beinahe ängstlich.

Eben kamen von der anderen Seite mehrere junge Offiziere. Einer von ihnen sprach die Ängstliche an, wahrscheinlich benutzte er das Zusammentreffen, sie gleich um einen Tanz zu bitten. Sie nickte und lächelte – jetzt sah sie nicht mehr ängstlich aus. Es musste doch ein eigener Reiz darinnen liegen, zum Tanze aufgefor­dert zu werden. Prinzessin Christine seufzte. Sie durfte ja nur befehlen – ach, immer nur befehlen!

Montag, 28. Januar 2013

Die Torwache


 
Zu den bekanntesten und tiefgründigsten Bildern der Schweriner Gemäldegalerie gehört „Die Torwache“ von Carel Fabritius. Die zeitgenössischen holländischen Bildbetrachter mögen erstaunt bis verärgert auf diese Darstellung geblickt haben. Das soll ein Torwächter sein, ein Soldat, ein Garant von Ordnung und Sicherheit? Eher ein Verhaltensmuster für Penner und Gammler... Hält dieser Soldat wirklich Wache am Tor? Keineswegs. Er hockt auf einer niedrigen Bank und scheint zu schlafen. Doch bei genauem Hinsehen merkt man, dass er eben nicht schläft. Er hantiert am Schloss seines Gewehres, einer Flinte, die man wohl hundert Jahre vor dieser Zeit gebraucht haben mochte. Eine Waffe aus dem Krieg gegen die Spanier, aus jener heroischen Zeit Hollands. Dieser Soldat aber ist nicht mehr heroisch. Er träumt in der heißen Mittagssonne vor sich hin und denkt an keinen Feind. Wer soll hier schon vorbeikommen? Der Soldat ist eigentlich überflüssig.

Mittwoch, 23. Januar 2013

Frühlingssehnsucht


                                                                                 
Schneeglöckchen
Ein schwerer Schnee
auf frühen Blüten
die schon begannen
zu sein und zu klingen

Noch nicht
zu früh
noch einmal warten
wie lange

 Zentnerlast
 auf zarten Spitzen
 können sie’s tragen?
    
Sie haben in die Last
eine Höhle gebaut
und wärmen sich
an eigener Hoffnung
und schmelzen den Schnee

Renate Krüger

Dienstag, 22. Januar 2013


In einem alten Buche fand ich Testamente
Gestalt, als Pflanze noch erkenntlich
dem Buche anvertraut in fernen Zeiten
als Kaiser straff noch die Geschicke lenkten
als Segel Wind zu neuen Küsten fingen
als Mozarts Sonnenorgel Horizonte färbte.
Herausgerissen aus dem Kreislauf grünen Lebens
verwandelten die Pflanzen Frucht und Samen
in Auftrag, Botschaft, Lese-Zeichen.
Ich lese Worte, die nicht gleiten wollen
in Bildschirmzeile, Nutzanweisung.
Sanft streicht die Hand die Pflanzenbriefe
winkt dankend dem, der sie einst schrieb.
Renate Krüger

Mittwoch, 2. Januar 2013

Gestickte Weihnachtsbilder aus Peru

Die christliche Volkskunst in Lateinamerika ist voller Phantasie und Farbenfreude. Es ist anrührend, wie die Motive und Situationen der Weihnachtsgeschichte in die regionale Vorstellungswelt übersetzt werden. Die Exponate stammen aus der Sammlung Anne Mohr in Oberhausen.