Montag, 31. Dezember 2012

Alles Gute zum Neuen Jahr



Neujahrssturm

 Ein heulender Geselle
 stampft über die Jahresschwelle
 mit ungeputztem Schuh
 und reißt aus himmlischer Ruh
 den Knaben im lockigen Haar
 und den Schnee vom vorigen Jahr.
 Viel Neues hat angefangen
 bevor das Alte vergangen.
 Der Sturm trennt nicht alt und neu
 treibt heutige Zeitung als Spreu.
 Nun öffne den Schlagbaum der Zeit
 und pfeife dem Wind das Geleit.

 Renate Krüger

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Weihnacht in Columbien. Ein farbenfreudiges Ereignis

 
Die Weihnachtskrippe aus Columbien stammt von der Künstlerin Cäcilia Vargas und ist ein Werk qualitätvoller christlicher Volkskunst. Die Weihnachtsgeschichte ist in einer typischen südamerikanischen Umgebung angesiedelt, umgeben von Schmetterlingen, leuchtenden Blumen und Kakteen. Die heilige Familie ist von dunkler Hautfarbe und in fröhlich-bunte Gewänder gekleidet.
 

 
Die Krippe befindet sich im Besitz von Anne Mohr/Oberhausen. Das Video wurde von Renate Krüger erstellt.
 

Mittwoch, 26. Dezember 2012

In unsere Hand gegeben


Krippenfigur von der gehörlosen Bildhauerin
Ursula Merkt, Hartschimmelhof

 
Gott möchte mit uns leben,
gibt sich in unsre Hand;
er hat zu uns Vertrauen,
und wer ihn hat erkannt
in diesem kleinen Kinde,
wird mit ihm stark und groß,
darf ewig mit ihm leben,
der uns sein Herz erschloss.
 
Renate Krüger
 

Samstag, 22. Dezember 2012

Ruinenweihnacht


Wir alle kennen jenes wundersame Gemälde Meister Altdorfers, auf dem sich das Geheimnis der Christnacht inmitten einer Ruine begibt. .. Unter dem zerstörten Dach, über dem die Engel schweben, sehen wir niemand als die Heilige Familie, einsam vom Lichte des Christuskindes bestrahlt. Aber nicht lange, und in diese Ruinen werden die Hirten hereinströmen, und dann werden hier die Könige aus dem Morgenlande niederknien. Auf die Stunde Marias folgt die Stunde des Erlösers, auf die stille Heilige Nacht das Fest der Erscheinung. Auch in unsere Reihen wird sein Glanz fallen: die Epiphanie unseres Herrn bedeutet den Frieden der Erde.

Mittwoch, 19. Dezember 2012


 
Johannes der Täufer als Wüstenengel
Russische Ikone 17.Jh.


Der Adventsgedanke ist in jedem Jahr erneut tröstlich. Vom Kommen ist die Rede. Für die Altersphase gilt, dass nichts mehr kommt. Vielleicht noch Essen auf Rädern oder ein Besuch von der Caritas. Der Advent öffnet das Ohr für das existentielle Kommen und lässt die Ängste zurücktreten. Dieser Advent ist losgelöst von Weihnachten, geht darüber hinaus.

Samstag, 15. Dezember 2012

Weihnachtsvorbereitungen im Hause le Fort


Unvergeßlich sind mir die Weihnachtsabende unserer Koblenzer Zeit – vielleicht, weil es die ersten waren, an denen ich innerlich teilnahm. Meine Mutter spannte meine Schwester und mich in die Festvorbereitungen ein – unser Christbaum wurde weithin mit dem Schmuck unserer eigenen kleinen Hände ausgestattet. Während der ganzen Adventszeit sammelten wir Tannenzapfen, die unsere Mutter uns vergolden lehrte, wir trugen Moos für die Krippe herbei und übten uns im Ausschneiden von bunten Papierketten. Das Schönste aber waren die rosa Seidenpapierrosen, die meine Mutter vor unseren Augen entstehen ließ, und die das Eigenartige unseres Christbaums bedeuteten. Wir übten bei ihrem Anblick das alte Lied: „Es ist ein Ros entsprungen.“ Was ich damals nur staunend bewunderte, habe ich später selbst zu winden gelernt – nie hat es in meinem Hause einen Christbaum gegeben, der nicht mit Rosen geschmückt war, und immer wurde dann das Weihnachtsfest des Elternhauses noch einmal Gegenwart.

Gertrud von le Fort

 
Der Weihnachtsbaum im Hause le Fort. Nach einer Originalaufnahme aus den 60er Jahren
 

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Winter


Ich sagte Du zum Winter
denn will man ihn nicht zum Freund
erhält man ihn zum Feind.
Doch seine Geschenke sind hart:
das Eis wird schmutzig und stumpf
auf den Schnee legt sich Ruß
und viele Stunden sind leer
erfüllt nur von zuckenden Zweifeln.
Wären da nicht die Bilder des Herbstes:
Sonne über dem See
die letzten Blumen im Garten
und Wärme aus hilfreichen Händen
ich würde erstarren
in Ultima Thule.
Wären da nicht die Träume des Frühlings:
ein warmer Regen
Fliederknospen am Bahndamm
und ein Gast auf den Schienen aus Süden
ich würde erstarren
                                                   in Ultima Thule.

                                                             Renate Krüger

Dienstag, 11. Dezember 2012

Gefahren des Weges


Haben wir einen Weg gefunden, entwickelt sich nicht immer unsere Neugierde, wohin er wohl führen mag, entwickelt sich nicht unsere Abenteuerlust, uns auf etwas Neues einzulassen, auf etwas, was wir noch nicht kennen... Wir möchten aus dieser kleinen, kaum überschaubaren Wegstrecke sogleich eine Höchstleistungs-Autobahn machen, auf der wir nur so dahin rasen können. Und so rasen wir dem Abgrund der Angst entgegen.


Sonntag, 9. Dezember 2012

Auf dem Weg


Jemand geht einen Weg. Einen Weg, keine Straße. Man sieht die Gestalt nur von hinten, es ist ein trüber Tag. Doch auch dieser sparsame Anblick verrät vieles. Es ist eine Frau, und sie ist nicht mehr jung. Sie geht diesen Weg nicht zum ersten Mal, die Umgebung ist ihr vertraut. Sie geht auch nicht nur so spazieren, sie hat ein Ziel. Sie zieht den Blick des Betrachters mit sich. Es handelt sich zwar um eine Situation aus dem alltäglichen Leben, und doch eröffnet dieser Anblick einen größeren Zusammenhang. Den Weg wissen… Sich aufmachen… Vertrauensvoll auf ein Ziel zugehen.

Samstag, 8. Dezember 2012

Die Stille der Welt

Hier also fand ich sie, hier wo ich nie sie suchte,
Mitten im Rasen und Toben der fiebernden Straße,
Gehetzt vom Getümmel der Wagen und überblendet
Vom zuchtlosen Licht der Reklame –
Hier trat sie mir entgegen
Feierlich – sanft
Wie einst in den zaubrischen Nächten,
Da noch die Stadt in ihren Armen geruht
Vom allersilbernsten Mondlicht lautlos umflossen:
Die heilige Stille der Welt.

Sie klagte niemand an, sie pochte nur an mein Herz:
„Was lauschst du nach mir mit dem Ohr?
Ich bin viel mächtiger als die tosende Straße,
Ich bin viel stiller als alle lautlosen Nächte –
Öffne mir doch deine Tür!“

Da tat ich ihr auf –
Sie flog in meine Arme die Stufen der Seele hinunter
Bis in mein tiefstes Gemach.
Nun leb ich mitten im Gewühl meiner Zeit
Trunken von Stille
Wie an den Sternenufern der ewigen Räume.

Gertrud von le Fort

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Weihnachtsbilder

Die Weihnachtsbilder des Isenheimer Altars mit
Texten von Gertrud von le Fort

Montag, 11. Juni 2012

Verzicht


Im Sommer des Schmetterlings
still leuchtender Samt
vor zittrigen Gräsern
erfüllt mich mit Sehnsucht.
Allein diese Schönheit
sich selbst verständlich
sich selbst genügend
stimmt zarteste Saiten
zu wehmütgem Spiel.
Nein, halt ihn nicht fest!
Du hältst in den Händen
nur bunten Staub
und zuckende Adern.
Lass dir genügen
am leuchtenden Samt
vor zittrigen Gräsern
am stillen Leben
                                                          der Schönheit im Licht.

                                                                                                      Renate Krüger

Samstag, 9. Juni 2012

Madonna Sixtina




 Meine erste Begegnung mit der Sixtinischen Madonna ereignete sich im Jahre 1955 in Berlin auf der Museumsinsel, die noch immer wie ein großer düsterer Trümmerhaufen wirkte. Nur wenige Kilometer weiter lag Westberlin als leuchtender Anziehungspunkt. Ich gehörte zum kunsthistorischen Führungsteam der Nationalgalerie, in der die weltberühmten Bilder der Dresdener Kunstsammlungen ausgestellt werden sollten, darunter die Sixtinische Madonna von Raffael.  Der propagandistische Apparat, in dem das alles vor sich ging, übertönte alles. „Schätze der Weltkultur – von der Sowjetunion übergeben“ war die Ausstellung betitelt. Wir wurden auf die Version eingeschworen, dass die Schätze der Dresdner Kunstsammlungen von den Nazis unter unzureichenden Bedingungen in Bergwerksstollen versteckt worden und daraus von der siegreichen Roten Armee „gerettet“ und zwecks vorbildlicher Konservierung in die Sowjetunion verbracht worden waren. Und nun wurden sie in einer grandiosen Geste wieder einer neuen deutschen Öffentlichkeit übergeben, um ihren Platz in der „antifaschistisch-demokratischen“ Ordnung der DDR zu finden, und das unmittelbar vor den Augen des Klassenfeindes in Westberlin. Von ihrer Funktion als Kriegstrophäen und Beutekunst erfuhren wir nichts, denn niemand hätte gewagt, über solche Hintergründe zu sprechen.
Ich kam gerade dazu, als die Madonna ihren Platz im größten Saal der Nationalgalerie fand.. Die Kiste, in der sie transportiert worden war, stand noch im Raum. Ich kannte das Kunstwerk vor allem von seiner Funktion als Gebetbuchbildchen und frommen Zimmerschmuck. Es war eines der ersten Bilder, die ich im Original entdecken konnte, nicht nur in Schwarz-Weiß-Abbildungen. Man übertrug mir das Thema „Italienische Hochrenaissance“, auf das ich mich besonders vorbereiten musste. Eine Beziehung zu diesem Bereich habe ich damals nicht entwickeln können. Die Erfahrung des Kriegsendes und der daraus entstehenden Folgen beherrschte noch immer alles. Überall herrschte Mangel an allem. Die Sixtina schien mir kein Weg aus dieser Mangelsituation zu sein und gewann nur mühsam einen Platz in meinem Leben.
Unter den studentischen Führungskräften befanden sich potenzielle Aufsteiger und regimetreue Kader, die das marxistische Vokabular schon gut beherrschten und auf die Interpretation der Kunstwerke anwandten. Es war schwer, eine eigene Sprache zu finden, ohne dass sich die allezeit wachsamen Ohren der Regimetreuen spitzten. Der mühsame Weg durch die dicht gefüllten Landschaften der Dichter und Philosophen, die, wie Winckelmann, Schlegel, Novalis, Hebbel und viele andere der Sixtina ihren Denkertribut entrichteten, brachte mich in meiner Beziehungssuche auch nicht weiter. Das war ja alles sehr schön und gedankenschwer, führte aber über die reine Information hinaus nicht zum „Wissen“ und Erkennen. In meinen Führungen sprach ich über die Malerei der Hochrenaissance, über die Ikonographie von Sixtus und Barbara, erläuterte die Biographie und Bedeutung Raffaels und versuchte sein Frauenbild in Worte zu fassen. Ich sprach zu Schulklassen, Betriebskollektiven, Armeeangehörigen und anderen „fortschrittlichen“ Gruppierungen, die nun nach dem Willen der Partei die „Höhen der Kultur erstürmen“ sollten. Mich ließ diese Vermittlung unbefriedigt, denn das Eigentliche konnte und durfte ich nicht sagen.
Und nun, über 50 Jahre später, steht die Sixtinische Madonna anlässlich ihres 500. Geburtstages wieder im Mittelpunkt, vor allem in Dresden. Im Jahre 1512 wurde das Bild im Auftrag von Papst Julius II. für die neu errichtete Kirche San Sisto in Piacenza gemalt und hing dort wenig brachtet über 200 Jahre. Kurfürst August III. von Sachsen erwarb die Madonna Sixtina 1753 und machte sie zu einer Dresdener Hausmarke, gab sie zur Verehrung durch die „Museumskirchenbesucher“ frei.  
Heute sind es nicht mehr die Höhen der Kultur, die es zu erstürmen gilt, jetzt ist es die Werbung für „die schönste Frau der Welt“, die von Hochhausfassaden, von den Straßenbahnen und allen möglichen geeigneten oder auch nicht geeigneten Flächen dafür sorgt, dass man der Sixtina einfach nicht entkommen kann. Dazu ein riesiger Medienaufwand, eine Inflation der Superlative und Kultrituale, die Pflichtauftritte großer Namen vor der Madonna Sixtina.
Die schönste Frau der Welt… Eine Assoziation stellt sich ein, die mir sehr nahe liegt: „Tota pulchra es, Maria, et macula originalis non est in te.“ Ganz schön bist du, Maria, und der Makel der Erbsünde ist nicht in dir… Das ist es, hier kommen Schönheit und Gnade zusammen, und das wusste ganz sicher auch Raffael,  das wusste schon Ephräm der  Syrer im 4. Jahrhundert, der Verse des Hohenliedes auf Maria bezog:Du allein (Christus) und deine Mutter sind über alles schön, keine Makel ist, o Herr, an dir, kein Fehl an deiner Mutter.“ Seit dem 14. Jahrhundert ist das Gebet in seiner heutigen Fassung verbreitet.
In der „Summa Theologiae“ des Thomas von Aquin (1225-1274) heißt es: „…schön wird das genannt, dessen Anblick Wohlgefallen hervorruft.“ Zur Qualität eines Kunstwerkes gehören Ganzheit, Vollkommenheit, Vollendung, Ebenmaß und Gleichklang. Diese theologische Bestimmung des Hochmittelalters war den Künstlern der Hochrenaissance zutiefst in Fleisch und Blut übergegangen. Raffael verlieh ihr einen besonders überzeugenden Ausdruck, der noch lange in volkstümlichen Marienliedern nachklingt.
Die Schönste von allen,
von fürstlichem Stand,
kann Schönres nicht malen
ein‘ englische Hand:
Maria mit Namen;
An ihrer Gestalt
all Schönheit beisammen
Gott selbst wohlgefallt.

Louis Pinck 1927


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Samstag, 2. Juni 2012

Adolph Menzel, Fronleichnamsprozession in Hofgastein 1890




Fronleichnamsprozession im Jahre 1890 im salzburgischen Hofgastein, gemalt von Adolph Menzel (815-1905). Alles ist in Bewegung, die durch Vertikale – Baldachinstangen, Fahnen, Prozessionslaternen – noch besonders betont wird. Niemand schaut aus den Fenstern, alle sind dabei, beteiligt. Hier zeigt sich die geschlossene Welt einer weitgehend homogenen Gesellschaft, die ihre eigene Ordnung kennt und akzeptiert. Fronleichnam ist in der katholischen Kirche ein Hochfest, an dem man die leibliche Anwesenheit Christi in der eucharistischen Gestalt des Brotes feiert, das in einer Prozession durch die Öffentlichkeit von Dörfern und Städten getragen wird.
Diese Fronleichnamsprozession ist auch eine gesellschaftliche Selbstdarstellung. Voran die Fahnen der Bruderschaften , Kongregationen und anderen kirchlichen Vereinigungen, dann die Monstranz mit dem eucharistischen Bot unter dem Baldachin, dann die Honorationen – natürlich nur Männer -, dann das „Volk“, aufgeteilt in ständische Gruppen. Die Frauen sind ganz hinten, man sieht sie nicht.
Wer steht am Wege und ist in die Bewegung nicht einbezogen? Solche, die nicht knien können und solche, die nicht knien wollen. Auffällig und besonders hervorgehoben die Gestalten der rechten vorderen Bildhälfte, vermutlich Sommergäste, die ihren Spazierweg versperrt sehen und nicht weiter kommen. Der eine sieht den im Hintergrund  denkbaren Maler fast vorwurfsvoll und herausfordernd an und demonstriert auch so sein Desinteresse an dieser hinterwäldlerischen Abgeschmacktheit. Mit dem rechten Bein tritt er auf ein Bruchstück einer plastischen Architekturdekoration, von der noch ein Putto erkennbar ist. Die elegante Dame neben ihm gibt sich ihrem small talk mit einem Partner jenseits des Bildrandes hin, unbekümmert um die in Andacht und Anbetung versunkenen Nachbarn. Sie ist aus einer anderen Welt und kann mit diesem Ereignis nichts anfangen.
Noch ist solche Prozession keine Touristenattraktion, aber Menzel nimmt schon einen Beobachterstatus ein, der auf spätere Fernsehgewohnheiten hinweist. Das Bild ist gekennzeichnet durch einen flotten Pinselstrich mit viel Freude am Detail. Menzel hatte eine besondere Vorliebe für die farbigen und bewegten Erscheinungsformen des Katholizismus in Süddeutschland und Österreich.