Sonntag, 30. Juni 2013

Licht auf dunklem Grund. Ein Rembrandt-Roman


Im Jahre 1964 wandte ich mich an den Leipziger Prisma-Verlag mit einem Romanmanuskript über den mecklenburgischen Hofbildhauer Rudolf Kaplunger (1746 - 1795). Er war gewissermaßen der „Überlebende“ aus einer gescheiterten Dissertation über die Ludwigsluster Hofkunst und der Roman das Ergebnis meiner „Trauerarbeit“.

Der Verleger Klaus Zenner quittierte mein Angebot mit der Frage,  wer sich wohl für einen unbekannten Ludwigsluster Hofbildhauer interessieren werde; wenn ich schon einen Roman schreiben wolle, dann doch besser über Rembrandt, den kenne schließlich jeder... Ich glaubte diesen Vorschlag nicht ernst nehmen zu können, und vielleicht war er ja auch nicht ernst gemeint... Ich schrieb also zurück, dass es schon viele Rembrandt-Romane gäbe, wozu noch einen weiteren produzieren?

Dennoch - die Idee hatte sich in meinem Bewusstsein festgesetzt und begann zu rumoren und zu arbeiten, ihr Volumen teilte sich immer wieder und erfüllte meine inneren Räume.
In großer Dynamik vermischte sie sich mit dem Arbeitsprozess, der mich gerade bewegte, mit einem Sachbuch über jüdische Kunst. Wie wäre es, wenn... Wenn ich Rembrandt gewissermaßen mit den Augen seiner jüdischen Nachbarn sehen würde...Ich begann sogleich mit einer Art von Sandkastenspiel und probierte mehrere Variationen durch. Der Entwurf nahm schnell eine fassbare Gestalt an. Alles fügte sich wie von selbst zueinander.

Meine Erinnerungen an den täglichen lebendigen Umgang mit Gemälden von Rembrandt lagen noch gar nicht so weit zurück. Fast ein Jahr lang war ich im Führungsdienst der Berliner Nationalgalerie tätig gewesen, um die 1955 von der Sowjetunion an die DDR zurückgegebene Kriegsbeute aus den Dresdner Kunstsammlungen den „so großzügig beschenkten Werktätigen“ nahe zu bringen, damit sie, wie von Partei und Staat beschlossen, „die Höhen der Kultur erstürmen“ könnten.

Jeden Tag war ich den Meisterwerken Rembrandts begegnet, dem Doppelporträt mit Saskia, der Judenbraut, dem Ganymed. Am schönsten und dichtesten vollzog sich diese Begegnung in der Beleuchtung der Nachmittagssonne. Die Bilder leuchteten dann gewissermaßen von innen heraus und gaben die in ihnen gespeicherten Geschichten frei.

Und dazu kamen die Erfahrungen, die ich inzwischen mit den Gemälden holländischer Meister im Schweriner Museum gemacht hatte, in dem ich seit einigen Jahren arbeitete. Die Annäherung an die Torwache des Karel Fabritius. An die Gesellschaft des musizierenden Paares des Frans van Mieris. An das Vergnügen auf dem Eis des Hendrick Averkamp.

Im soeben eröffneten dritten Programm des Norddeutschen Rundfunks hatte ich eine Vortragsreihe über das Goldene Zeitalter der Niederlande gehört und wie eine Vorlesung mitgeschrieben, denn die Beschaffung "westlicher" Literatur war in jenen Jahren fast unmöglich. Aber durch das Mitschreiben und nochmalige Abschreiben hatte ich das goldene Zeitalter besonders stark verinnerlicht.

Und dann die aufregenden Judaica-Kenntnisse, die ich inzwischen erworben hatte, vertieft und belebt durch Prager Freunde, die Lyrikerin Dagmar Hilarová, die als Kind das KZ Theresienstadt überlebt hatte, und ihren Mentor und Übersetzer Rudolf Iltis, den Redakteur der Prager Jüdischen Gemeinde. Mehrfach war ich dort zu Gast gewesen und hatte in der koscheren Gaststätte des Prager Jüdischen Rathauses in der Gesellschaft der Übriggebliebenen gesessen, der Juden, die nur wenig tschechisch konnten und bei vielen Tschechen auf Grund ihrer Protektoratserfahrungen als unerwünschte Deutsche galten. Auch unter dem gotischen Giebel der berühmten Prager Alt-Neu-Synagoge fügten sich die Geschichten des Rembrandt-Romans aneinander.

Nur Holland, Rembrandts Heimat, blieb mir verschlossen, denn die vor wenigen Jahren errichtete Mauer erwies sich für mich 14 Jahre lang als völlig undurchlässig. Ich konnte nur auf alten Stadtplänen durch Amsterdam spazieren und lernte die holländische Landschaft nur nach den Bildern ihrer Maler kennen. Und dennoch führte dieser Weg zu mehr Tiefe als die späteren touristischen Surfimpressionen...

Damals war ich sehr beeindruckt von den Texten Martin Bubers, die auf krausen Umwegen den Weg zu mir gefunden hatten. Obwohl ich nur wenige Juden kannte, wurde die Weisheit der Chassidim zu einer festen Größe für mich, und ich nahm ihre verehrungswürdigen Rabbinergestalten  in mein inneres Museum auf. Manasse ben Israel, im vorliegenden Roman Rembrandts Nachbar und Dialogpartner, lebt ganz aus diesem Geist.

„Ich war Rembrandts Nachbar"- diesen Titel wünschte ich für meine Geschichte. Der Verleger aber entschied sich für „Licht auf dunklem Grund" in Anlehnung an den bekannten und weit verbreiteten Rembrandt-Roman von Valerian Tornius, "Zwischen Hell und Dunkel." 

Ein starker Motivationsschub für diesen Roman erwuchs auch aus meinem kunstpädagogischen Interesse. Bildbeschreibungen und -interpretationen nehmen einen breiten Raum ein.

Innerhalb des ideologischen Systems der DDR wurde dieser Rembrandt-Roman nicht als belletristische Edition, sondern als Sachbuch gewertet. Sein Erfolg ist vor allem dem mutigen und beharrlichen Engagement des Prisma-Verlages zu verdanken, der gegen alle Widerstände seinen privaten Status inmitten der reichlich mit Papierzuteilungen bedachten volkseigenen Verlage bis fast zum Ende der DDR bewahren konnte. Die 1997 veranstaltete Übersetzung ins Japanische ermutigte mich, eine Wiederbelebung auch für deutschsprachige Leser in Angriff zu nehmen. Der beim Allitera-Verlag erschienen Druckausgabe wird im Laufe dieses Jahres eine E-Book-Ausgabe beim Verlag EDITION digital Pekrul & Sohn folgen.  


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