Im
Jahre 1964 wandte ich mich an den Leipziger Prisma-Verlag mit einem
Romanmanuskript über den mecklenburgischen Hofbildhauer Rudolf Kaplunger (1746
- 1795). Er war gewissermaßen der „Überlebende“ aus einer gescheiterten
Dissertation über die Ludwigsluster Hofkunst und der Roman das Ergebnis meiner „Trauerarbeit“.
Der
Verleger Klaus Zenner quittierte mein Angebot mit der Frage, wer sich wohl für einen unbekannten
Ludwigsluster Hofbildhauer interessieren werde; wenn ich schon einen Roman
schreiben wolle, dann doch besser über Rembrandt, den kenne schließlich
jeder... Ich glaubte diesen Vorschlag nicht ernst nehmen zu können, und
vielleicht war er ja auch nicht ernst gemeint... Ich schrieb also zurück, dass
es schon viele Rembrandt-Romane gäbe, wozu noch einen weiteren produzieren?
Dennoch
- die Idee hatte sich in meinem Bewusstsein festgesetzt und begann zu rumoren
und zu arbeiten, ihr Volumen teilte sich immer wieder und erfüllte meine
inneren Räume.
In großer Dynamik vermischte sie sich mit dem Arbeitsprozess, der mich gerade bewegte, mit einem Sachbuch über jüdische Kunst. Wie wäre es, wenn... Wenn ich Rembrandt gewissermaßen mit den Augen seiner jüdischen Nachbarn sehen würde...Ich begann sogleich mit einer Art von Sandkastenspiel und probierte mehrere Variationen durch. Der Entwurf nahm schnell eine fassbare Gestalt an. Alles fügte sich wie von selbst zueinander.
In großer Dynamik vermischte sie sich mit dem Arbeitsprozess, der mich gerade bewegte, mit einem Sachbuch über jüdische Kunst. Wie wäre es, wenn... Wenn ich Rembrandt gewissermaßen mit den Augen seiner jüdischen Nachbarn sehen würde...Ich begann sogleich mit einer Art von Sandkastenspiel und probierte mehrere Variationen durch. Der Entwurf nahm schnell eine fassbare Gestalt an. Alles fügte sich wie von selbst zueinander.
Meine
Erinnerungen an den täglichen lebendigen Umgang mit Gemälden von Rembrandt
lagen noch gar nicht so weit zurück. Fast ein Jahr lang war ich im
Führungsdienst der Berliner Nationalgalerie tätig gewesen, um die 1955 von der
Sowjetunion an die DDR zurückgegebene Kriegsbeute aus den
Dresdner Kunstsammlungen den „so großzügig beschenkten Werktätigen“ nahe zu bringen,
damit sie, wie von Partei und Staat beschlossen, „die Höhen der Kultur
erstürmen“ könnten.
Jeden
Tag war ich den Meisterwerken Rembrandts begegnet, dem Doppelporträt mit
Saskia, der Judenbraut, dem Ganymed. Am schönsten und dichtesten vollzog sich
diese Begegnung in der Beleuchtung der Nachmittagssonne. Die Bilder leuchteten
dann gewissermaßen von innen heraus und gaben die in ihnen gespeicherten
Geschichten frei.
Und
dazu kamen die Erfahrungen, die ich inzwischen mit den Gemälden holländischer
Meister im Schweriner Museum gemacht hatte, in dem ich seit einigen Jahren
arbeitete. Die Annäherung an die Torwache des Karel Fabritius. An die
Gesellschaft des musizierenden Paares des Frans van Mieris. An das Vergnügen
auf dem Eis des Hendrick Averkamp.
Im
soeben eröffneten dritten Programm des Norddeutschen Rundfunks hatte ich eine
Vortragsreihe über das Goldene Zeitalter der Niederlande gehört und wie eine
Vorlesung mitgeschrieben, denn die Beschaffung "westlicher" Literatur
war in jenen Jahren fast unmöglich. Aber durch das Mitschreiben und nochmalige
Abschreiben hatte ich das goldene Zeitalter besonders stark verinnerlicht.
Und
dann die aufregenden Judaica-Kenntnisse, die ich inzwischen erworben hatte,
vertieft und belebt durch Prager Freunde, die Lyrikerin Dagmar Hilarová, die
als Kind das KZ Theresienstadt überlebt hatte, und ihren Mentor und Übersetzer
Rudolf Iltis, den Redakteur der Prager Jüdischen Gemeinde. Mehrfach war ich
dort zu Gast gewesen und hatte in der koscheren Gaststätte des Prager Jüdischen
Rathauses in der Gesellschaft der Übriggebliebenen gesessen, der Juden, die nur
wenig tschechisch konnten und bei vielen Tschechen auf Grund ihrer
Protektoratserfahrungen als unerwünschte Deutsche galten. Auch unter dem
gotischen Giebel der berühmten Prager Alt-Neu-Synagoge fügten sich die
Geschichten des Rembrandt-Romans aneinander.
Nur
Holland, Rembrandts Heimat, blieb mir verschlossen, denn die vor wenigen Jahren
errichtete Mauer erwies sich für mich 14 Jahre lang als völlig undurchlässig.
Ich konnte nur auf alten Stadtplänen durch Amsterdam spazieren und lernte die
holländische Landschaft nur nach den Bildern ihrer Maler kennen. Und dennoch
führte dieser Weg zu mehr Tiefe als die späteren touristischen Surfimpressionen...
Damals
war ich sehr beeindruckt von den Texten Martin Bubers, die auf
krausen Umwegen den Weg zu mir gefunden hatten. Obwohl ich nur wenige Juden
kannte, wurde die Weisheit der Chassidim zu einer festen Größe für mich, und
ich nahm ihre verehrungswürdigen Rabbinergestalten in mein inneres Museum auf. Manasse ben
Israel, im vorliegenden Roman Rembrandts Nachbar und Dialogpartner, lebt ganz
aus diesem Geist.
„Ich
war Rembrandts Nachbar"- diesen Titel wünschte ich für meine Geschichte.
Der Verleger aber entschied sich für „Licht auf dunklem Grund" in
Anlehnung an den bekannten und weit verbreiteten Rembrandt-Roman von Valerian
Tornius, "Zwischen Hell und Dunkel."
Ein
starker Motivationsschub für diesen Roman erwuchs auch aus meinem kunstpädagogischen
Interesse. Bildbeschreibungen und -interpretationen nehmen einen breiten Raum
ein.
Innerhalb
des ideologischen Systems der DDR wurde dieser Rembrandt-Roman nicht als
belletristische Edition, sondern als Sachbuch gewertet. Sein Erfolg ist vor allem
dem mutigen und beharrlichen Engagement des Prisma-Verlages zu verdanken, der
gegen alle Widerstände seinen privaten Status inmitten der reichlich mit
Papierzuteilungen bedachten volkseigenen Verlage bis fast zum Ende der DDR
bewahren konnte. Die 1997 veranstaltete Übersetzung ins Japanische ermutigte
mich, eine Wiederbelebung auch für deutschsprachige Leser in Angriff zu nehmen.
Der beim Allitera-Verlag
erschienen Druckausgabe wird im Laufe dieses Jahres eine E-Book-Ausgabe beim
Verlag EDITION digital Pekrul & Sohn folgen.
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