Adolph Menzel 1815-1905
Das Balkonzimmer. Öl auf
Pappe, 22,8 x 18,5
Der Blick des Betrachters
wird in eine Zimmerecke geführt. Alle Gegenstände der Ausstattung sind
perspektivisch abgeordnet, einige werden in Gänze gezeigt, andere angeschnitten
oder gespiegelt. Dadurch ergeben sich Bewegung und Lebendigkeit. Obgleich der Raum
menschenleer ist, erscheint er doch von einem dichten Geschehen erfüllt. Der
Betrachter ist versucht, eine dramatische oder geheimnisvolle Geschichte hinter
diesem stillen Bild zu vermuten. Da ist die undurchsichtige Gardine, die vom Luftzug, der durch die geöffnete
Balkontür eindringt, leicht bewegt wird. Da sind die Stühle, die mit kleinem
Abstand Rücken an Rücken stehen. Haben darauf Menschen gesessen, die sich
nichts zu sagen hatten? weiterlesen...
Es handelt sich um ein
herrschaftliches Haus mit vergoldeter Stuckdecke, zu der die kahle und fleckige
Wand nicht recht passen will. Ist der Maler schon bestellt? Ein Sofa, über dem
ein Bild in dickem Goldrahmen hängt, wird nur im Spiegel gezeigt. Ein Tisch
fehlt, es ist eben nur ein Durchgangssalon, von dem aus man auf den Balkon
kommt. Vom Balkon aus sieht man auf die Straße mit ihren Ereignissen, eben in
die Öffentlichkeit. Auf militärische Aufmärsche, auf Beerdigungen. Man weiß
somit, was draußen geschieht, man sieht von oben darauf herab und ist präsent.
Der Balkon ist eine
Institution, um zu sehen und gesehen zu werden. Somit fühlt man sich als Teil
der Gesellschaft. Bevor man hinaustritt, blickt man schnell noch einmal in den
Spiegel, um das standesgemäße Aussehen und Auftreten zu kontrollieren. Wenn man
durch das lange Stehen ermüdet ist, kann
man sich auf den Stühlen ausruhen. Sie stehen so, dass man schnell freien
Zugang zum Spiegel hat. Der Fuchspelz, der auf der Spiegelkonsole liegt, dient dem
Schutz gegen die Kälte. Die Farben sind in ihren Ocker- und Brauntönen
zurückhaltend und beruhigend und bauen vor allem durch die zahlreichen Lichtbrechungen
zugleich Spannung auf. Das Skizzenhafte herrscht vor. Die große Welt der Straße
gewinnt Zuritt in die intime und private Atmosphäre der Wohnung, wie sie
eindringlich auch in den Werken von Theodor Fontane geschildert wird.
Dieses doch recht kleine
Bild ermöglicht den Blick in eine große Welt, die zur Entdeckung einlädt.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen