Samstag, 8. Juni 2013

Adolph Menzel, Das Balkonzimmer





Adolph Menzel 1815-1905
Das Balkonzimmer. Öl auf Pappe, 22,8 x 18,5
Der Blick des Betrachters wird in eine Zimmerecke geführt. Alle Gegenstände der Ausstattung sind perspektivisch abgeordnet, einige werden in Gänze gezeigt, andere angeschnitten oder gespiegelt. Dadurch ergeben sich Bewegung und Lebendigkeit. Obgleich der Raum menschenleer ist, erscheint er doch von einem dichten Geschehen erfüllt. Der Betrachter ist versucht, eine dramatische oder geheimnisvolle Geschichte hinter diesem stillen Bild zu vermuten. Da ist die undurchsichtige Gardine,  die vom Luftzug, der durch die geöffnete Balkontür eindringt, leicht bewegt wird. Da sind die Stühle, die mit kleinem Abstand Rücken an Rücken stehen. Haben darauf Menschen gesessen, die sich nichts zu sagen hatten?  weiterlesen...

Es handelt sich um ein herrschaftliches Haus mit vergoldeter Stuckdecke, zu der die kahle und fleckige Wand nicht recht passen will. Ist der Maler schon bestellt? Ein Sofa, über dem ein Bild in dickem Goldrahmen hängt, wird nur im Spiegel gezeigt. Ein Tisch fehlt, es ist eben nur ein Durchgangssalon, von dem aus man auf den Balkon kommt. Vom Balkon aus sieht man auf die Straße mit ihren Ereignissen, eben in die Öffentlichkeit. Auf militärische Aufmärsche, auf Beerdigungen. Man weiß somit, was draußen geschieht, man sieht von oben darauf herab und ist präsent.  
Der Balkon ist eine Institution, um zu sehen und gesehen zu werden. Somit fühlt man sich als Teil der Gesellschaft. Bevor man hinaustritt, blickt man schnell noch einmal in den Spiegel, um das standesgemäße Aussehen und Auftreten zu kontrollieren. Wenn man durch das lange Stehen ermüdet ist,  kann man sich auf den Stühlen ausruhen. Sie stehen so, dass man schnell freien Zugang zum Spiegel hat. Der Fuchspelz, der auf der Spiegelkonsole liegt, dient dem Schutz gegen die Kälte. Die Farben sind in ihren Ocker- und Brauntönen zurückhaltend und beruhigend und bauen vor allem durch die zahlreichen Lichtbrechungen zugleich Spannung auf. Das Skizzenhafte herrscht vor. Die große Welt der Straße gewinnt Zuritt in die intime und private Atmosphäre der Wohnung, wie sie eindringlich auch in den Werken von Theodor Fontane geschildert wird.
Dieses doch recht kleine Bild ermöglicht den Blick in eine große Welt, die zur Entdeckung einlädt.

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