Dienstag, 19. April 2016

Aus alten Tagebüchern



5.3.1959 Unsere Nachbarn sind über Nacht verschwunden, und haben ihre Wohnung halb leer zurückgelassen. Sie sind, wie man so sagt, „abgehauen", in den Westen geflüchtet. Das Ehepaar und zwei kleine Kinder. Und wir haben davon nichts gewusst. Meine Mutter ist völlig außer sich, denn wir waren mit diesen Nachbarn eng befreundet. Eine Zeitlang haben sie sogar mit in unserer Wohnung gelebt. Wir können es nicht fassen. Die Schwester aus Rostock kommt, sie hat einen Wohnungsschlüssel, und sie holt noch einige zurückgebliebene Habseligkeiten heraus. Ich bin tief traurig, denn ich habe wieder Gesprächspartner verloren. Wer weiß, wer jetzt in diese Wohnung zieht...
14.3.1959 Unsere Nachbarwohnung ist nicht lange unbewohnt geblieben, nachdem sie von Beauftragten der Stadt leer geräumt wurde. Wohin sind die Sachen gekommen? Ein typischer Funktionär zieht ein, der außer einem kurzen Gruß kein Wort mit uns spricht. Mit Parteiabzeichen an fast allen Kleidungsstücken. Es wird sich keine Nachbarschaft ergeben... Mit wem kann man überhaupt noch ein Wort sprechen, das von den allein gültigen Parteinormen abweicht?

Montag, 11. April 2016

Aus alten Tagebüchern



Ostern 1960 Ich war zu einer Osterfeier, zu einem Ostererlebnis besonderer Art im Freundeskreis von T. in München eingeladen. Zum Osterlammessen nach jüdischem Vorbild.
Wir waren etwa 30 Leute. Alle saßen nebeneinander auf dem Fußboden rings an der Wand. Den ausgezeichneten Platz hatte Professor N. als „Hausvater". Er sprach die die alttestamentlichen Segenssprüche und reichte die Speisen herum, den Wein aus einem silbervergoldeten Becher, die Bitterkräuter, Meerrettich, Sellerie, Feldsalat - all das zur Erinnerung an die Bitterkeit der Knechtschaft des Volkes Israel in Ägypten, dazu Fruchtmus, in das Matzen und Selleriestückchen eingetaucht wurden. Schließlich das am Spieß über Holzkohlenfeuer zubereitete Lamm. Alles wurde mit der Hand gegessen. Dabei merkt man so richtig, wie dekadent wir sind, wie sehr uns der Komfort in eine erlebnisfeindliche Zwangsjacke von Zivilisation und „gutem Benehmen" presst. Es wäre natürlich unrealistisch, wollte man nun plötzlich wieder anfangen, ohne Messer und Gabel zu essen. Aber man muss ab und zu an das Zeichenhafte eines solchen Mahles denken, damit man die eigene Mitte wiederfindet.
Dieses Osterlammessen hatte für mich die Bedeutung eines Sakramentales. Es war nicht nur eine sinnenfällige Illustration des patriarchalischen Lebens der Sippe im Alten Testament, sondern eine erneuerte Darstellung der Auserwählung. Dies ist das kleine Häuflein, das im gemeinsamen Mahl das stärkste Zusammengehörigkeitsgefühl empfindet. Das das Wesentliche kennt, das über die Konvention hinausgewachsen ist.
Danach die Osternachtliturgie im „Venio", dem modernen Benediktinerinnenkonvent. Eine solche Begegnung ist wohl der letzte erreichbare Urgrund menschlicher Gemeinschaft. Man fühlt sich ganz lebendig und unmittelbar hineingenommen in die Communio Sanctorum, vermittelt durch die Liebe der anderen.
Von solchen Erfahrungen kann man auf Dauer leben. Mir ist vieles klar geworden über das Miteinander von Mensch zu Mensch. Der Kreis ist aus einer Gruppierung einer lebendigen Pfarrgemeinde hervorgegangen.  Keine besonders intellektuellen Leute, lauter gesundes Werktagsgewächs, gerade, ehrlich, schlicht.
Ich habe Übersetzungen von Martin Buber gehört, Psalmen, Patriarchengeschichten. Eine eigenwillige, plastische, sehr kraftvolle Sprache. Manche Ausdrücke wirken durch ihre Fremdheit ein wenig störend, ungewohnt. Welch mannigfaltige Möglichkeiten, Welten durch Worte auszudrücken!
Aus der Bamberger Apokalypse. Buchmalerei



Montag, 21. März 2016

Ostern




O ich beschwöre euch, ihr mächtigen Engel, 
Die ihr am Ostermorgen das Felsengrab sprengtet, 
Sprengt auch den härteren Fels,
Sprengt der erkalteten Liebe
Schaurige Klüfte!

Denn Christ ward abermals zum Tode verurteilt
Und liegt versargt in den eisigen Grabeskammern
Einer verlorenen Welt -
O naht euch, ich beschwöre euch, ihr mächtigen Engel, 
Und weckt den begrabenen Christ!

Aber die Engel bewahrten leuchtendes Schweigen,
Endlich bog sich einer herab und nahm mich sanft in die Flügel
Und raunte mir mildreich ins Ohr:
Nein, wecke du ihn, Kind,
Denn wisse, aus diesem Tod kann nur die Seele ihn retten - 
Geh in dein eigenes Herz
Und wälze den Stein von der Türe des Grabesdunklen:
Du selbst musst auferstehn - Christ ist erstanden. 

Gertrud von le Fort

Donnerstag, 10. März 2016

Ende der Auszeit

Mehrere Jahre hat der Cimbelstern geschwiegen, doch nun lässt er wieder seinen hellen fröhlichen Ton erklingen, und zwar als Begleitmusik auf den Dreikönigswegen - daher der Untertitel "Dreikönigsblog."  Die Beiträge werden sich auf die Inhalte der Homepage "www.Dreikoenigswege.eu" unter dem Motto "suchen- finden- weitergeben" beziehen und bitten um freundliche Aufnahme. 
Die mittelalterliche Miniatur betont den dreifachen Aufbruch als Einheit: gleicher Stand, gleiche Richtung, gleiche Dynamik bei Mensch und Pferd. 
Die Könige sind sich ihres Zieles gewiss. 

Montag, 23. Februar 2015

Warum Cimbelstern?


Dieses Blog trägt den Namen Cimbelstern und erweckt damit Assoziationen ins Freundlich-Geheimnisvolle. Cimbeln (auch Cymbeln oder Zimbeln) sind Musikinstrumente, die schon in der Bibel vorkommen. Sie bestehen aus Metall, dessen Schwingungen einen hellen auffordernden Klang erzeugen.
Der Cimbelklang wird zum Ausdruck der Freude, der den Alltag verwandelt.  Aus dieser Absicht ging der Cimbelstern hervor, ein dekoratives Spielwerk an Orgeln, das seit dem 15. Jahrhundert bekannt ist. Am Orgelprospekt befindet sich ein beweglicher Stern, an dem kleine Glöckchen befestigt sind. Durch einen Luftstrom angetrieben, dreht sich dieser Stern und bringt dadurch die Glöckchen zum Klingen. Cimbelsterne waren besonders an Barockorgeln beliebt, bisweilen mehrere an einem Instrument. Ihr Einsatz führt zu einem geheimnisvollen oder fröhlichen Überhöhungseffekt der Orgelmusik.
Diese Erfahrung lässt sich auch auf den Alltag übertragen. In unserem Zusammenhang hat der Cimbelstern eine allegorische oder symbolische Bedeutung, wir suchen nach den fröhlichen Zugaben im oftmals tristen Alltag. Was spricht dagegen, das Leben mit dem Klang des Cimbelsterns zu verschönern, immer wieder nach dem Schönen und Belebenden zu suchen und die bisweilen so graudüstere Lebensroutine damit zu durchdringen? Da war doch noch etwas… Ja, da ist doch noch etwas. Der Cimbelstern.

Freitag, 20. Februar 2015

Stöbern und Entdecken



Das Internet ist ein Ort zum Stöbern und Entdecken, eine virtuelle Bodenkammer mit vielen Ablageecken und –schichten. Man hat bisweilen Mühe, die Informationsschwemme zu durchdringen, die ständigen Belehrungen, Rechthabereien und Besserwissereien, um zu den kreativen Bereichen durchzustoßen. Es gibt Webseiten, bei denen die Suche nach den besten Gestaltungsmöglichkeiten zum überzeugenden Erfolg geführt hat. Denen man die Freude ihrer Gestalter noch anmerkt. Den Schwung, in den sie sich selbst gebracht haben und den sie nun weitergeben. Deren Texte man in einem Rutsch liest, auch wenn man nicht mit allem übereinstimmt. Die eine Aufforderung zum Weiterentwickeln und unermüdlichem Ausprobieren enthalten. Man muss nur den Anfang des roten Fadens finden, und schon kann man eine ganze Welt entdecken.

Dienstag, 17. September 2013

Die Letzte am Schafott

Die Hinrichtung der 16 Karmelitinnen wird in der Briefnovelle von Gertrud von le Fort nur indirekt geschildert, ihr Verlauf zeigt sich nur am Verstummen der Stimmen. Blanche de la Force darf das Schafott nicht besteigen, sie darf nicht das demonstrativ erhöhte Martyrium erleiden, sondern wird einfach totgeschlagen wie ein lästiges Ungeziefer, findet den namenlosen Tod des Zertretenwerdens, einen scheinbar sinnlosen Tod, der sie mit unzähligen Opfern verbindet.  Sie steht außerhalb des offiziellen Programms selbst der pervertierten Justiz. Die Letzte am Schafott erreicht die Todesmaschine nicht. Aber die Letzten werden die Ersten sein. Dieser Tod kann nur mit der Verheißung aus le Forts Erzählung „Das fremde Kind“ gedeutet werden: „Aber es wird auch dann noch Gnade geben.“ Das ist die eigentliche Botschaft des Werkes, die in der Oper von Poulenc keine Rolle spielt. Sie erzählt eine andere, eine heroische  Geschichte.