Montag, 18. Februar 2013

Den ermordeten Bäumen


Und wieder kreischen die Sägen,
und wieder fällt ein Baum.
Der Schreibtisch hat es genehmigt.
Vorbei der grüne Traum.
Was in Jahrzehnten gewachsen
ist in Minuten dahin.
Ein Baum kann sich nicht wehren
bei so viel Ordnungssinn
in Gutachten und Statistik,
und alles ist ganz legal.
Man muss den Bestand erneuern,
wie’s das Gesetz befahl.
Die Vögel trauern im Chore
Und Käfer und Spinnen dazu.
Bis neue Bäume gewachsen,
ging alles zur ewigen Ruh.
Und nächtens hört man’s wispern:
Hier war einmal unser Raum.
Doch dann kamen Axt und Säge.
Ade, du Traum vom Baum.
Renate Krüger

Sonntag, 10. Februar 2013

Prinzessin Christelchen


 
 
Leseprobe aus dem ersten Roman von Gertrud von le Fort

Die kleine Prinzessin hatte sich einen Stuhl ans Fenster gezogen und presste den Kopf gegen die kühlen Scheiben. Wie wunderschön war es doch, hier allein zu sein! Sie hatte das so selten. Horch! Wieder ein Wagen! Neugierig blickte die Prinzessin hinunter. So also sah man aus, wenn man als junges Mädchen zum Ball fuhr! In große Abendmäntel gehüllt stiegen eben zwei junge Damen in Begleitung einer älteren aus dem Wagen. Im Schein der hellen Lichter vor der Einfahrt des Schlosses konnte Prinzessin Christine ihre Gesichter deutlich erkennen. Die eine sah strahlend aus in froher Erwartung, die andere ein wenig aufgeregt, beinahe ängstlich.

Eben kamen von der anderen Seite mehrere junge Offiziere. Einer von ihnen sprach die Ängstliche an, wahrscheinlich benutzte er das Zusammentreffen, sie gleich um einen Tanz zu bitten. Sie nickte und lächelte – jetzt sah sie nicht mehr ängstlich aus. Es musste doch ein eigener Reiz darinnen liegen, zum Tanze aufgefor­dert zu werden. Prinzessin Christine seufzte. Sie durfte ja nur befehlen – ach, immer nur befehlen!