Montag, 11. Juni 2012

Verzicht


Im Sommer des Schmetterlings
still leuchtender Samt
vor zittrigen Gräsern
erfüllt mich mit Sehnsucht.
Allein diese Schönheit
sich selbst verständlich
sich selbst genügend
stimmt zarteste Saiten
zu wehmütgem Spiel.
Nein, halt ihn nicht fest!
Du hältst in den Händen
nur bunten Staub
und zuckende Adern.
Lass dir genügen
am leuchtenden Samt
vor zittrigen Gräsern
am stillen Leben
                                                          der Schönheit im Licht.

                                                                                                      Renate Krüger

Samstag, 9. Juni 2012

Madonna Sixtina




 Meine erste Begegnung mit der Sixtinischen Madonna ereignete sich im Jahre 1955 in Berlin auf der Museumsinsel, die noch immer wie ein großer düsterer Trümmerhaufen wirkte. Nur wenige Kilometer weiter lag Westberlin als leuchtender Anziehungspunkt. Ich gehörte zum kunsthistorischen Führungsteam der Nationalgalerie, in der die weltberühmten Bilder der Dresdener Kunstsammlungen ausgestellt werden sollten, darunter die Sixtinische Madonna von Raffael.  Der propagandistische Apparat, in dem das alles vor sich ging, übertönte alles. „Schätze der Weltkultur – von der Sowjetunion übergeben“ war die Ausstellung betitelt. Wir wurden auf die Version eingeschworen, dass die Schätze der Dresdner Kunstsammlungen von den Nazis unter unzureichenden Bedingungen in Bergwerksstollen versteckt worden und daraus von der siegreichen Roten Armee „gerettet“ und zwecks vorbildlicher Konservierung in die Sowjetunion verbracht worden waren. Und nun wurden sie in einer grandiosen Geste wieder einer neuen deutschen Öffentlichkeit übergeben, um ihren Platz in der „antifaschistisch-demokratischen“ Ordnung der DDR zu finden, und das unmittelbar vor den Augen des Klassenfeindes in Westberlin. Von ihrer Funktion als Kriegstrophäen und Beutekunst erfuhren wir nichts, denn niemand hätte gewagt, über solche Hintergründe zu sprechen.
Ich kam gerade dazu, als die Madonna ihren Platz im größten Saal der Nationalgalerie fand.. Die Kiste, in der sie transportiert worden war, stand noch im Raum. Ich kannte das Kunstwerk vor allem von seiner Funktion als Gebetbuchbildchen und frommen Zimmerschmuck. Es war eines der ersten Bilder, die ich im Original entdecken konnte, nicht nur in Schwarz-Weiß-Abbildungen. Man übertrug mir das Thema „Italienische Hochrenaissance“, auf das ich mich besonders vorbereiten musste. Eine Beziehung zu diesem Bereich habe ich damals nicht entwickeln können. Die Erfahrung des Kriegsendes und der daraus entstehenden Folgen beherrschte noch immer alles. Überall herrschte Mangel an allem. Die Sixtina schien mir kein Weg aus dieser Mangelsituation zu sein und gewann nur mühsam einen Platz in meinem Leben.
Unter den studentischen Führungskräften befanden sich potenzielle Aufsteiger und regimetreue Kader, die das marxistische Vokabular schon gut beherrschten und auf die Interpretation der Kunstwerke anwandten. Es war schwer, eine eigene Sprache zu finden, ohne dass sich die allezeit wachsamen Ohren der Regimetreuen spitzten. Der mühsame Weg durch die dicht gefüllten Landschaften der Dichter und Philosophen, die, wie Winckelmann, Schlegel, Novalis, Hebbel und viele andere der Sixtina ihren Denkertribut entrichteten, brachte mich in meiner Beziehungssuche auch nicht weiter. Das war ja alles sehr schön und gedankenschwer, führte aber über die reine Information hinaus nicht zum „Wissen“ und Erkennen. In meinen Führungen sprach ich über die Malerei der Hochrenaissance, über die Ikonographie von Sixtus und Barbara, erläuterte die Biographie und Bedeutung Raffaels und versuchte sein Frauenbild in Worte zu fassen. Ich sprach zu Schulklassen, Betriebskollektiven, Armeeangehörigen und anderen „fortschrittlichen“ Gruppierungen, die nun nach dem Willen der Partei die „Höhen der Kultur erstürmen“ sollten. Mich ließ diese Vermittlung unbefriedigt, denn das Eigentliche konnte und durfte ich nicht sagen.
Und nun, über 50 Jahre später, steht die Sixtinische Madonna anlässlich ihres 500. Geburtstages wieder im Mittelpunkt, vor allem in Dresden. Im Jahre 1512 wurde das Bild im Auftrag von Papst Julius II. für die neu errichtete Kirche San Sisto in Piacenza gemalt und hing dort wenig brachtet über 200 Jahre. Kurfürst August III. von Sachsen erwarb die Madonna Sixtina 1753 und machte sie zu einer Dresdener Hausmarke, gab sie zur Verehrung durch die „Museumskirchenbesucher“ frei.  
Heute sind es nicht mehr die Höhen der Kultur, die es zu erstürmen gilt, jetzt ist es die Werbung für „die schönste Frau der Welt“, die von Hochhausfassaden, von den Straßenbahnen und allen möglichen geeigneten oder auch nicht geeigneten Flächen dafür sorgt, dass man der Sixtina einfach nicht entkommen kann. Dazu ein riesiger Medienaufwand, eine Inflation der Superlative und Kultrituale, die Pflichtauftritte großer Namen vor der Madonna Sixtina.
Die schönste Frau der Welt… Eine Assoziation stellt sich ein, die mir sehr nahe liegt: „Tota pulchra es, Maria, et macula originalis non est in te.“ Ganz schön bist du, Maria, und der Makel der Erbsünde ist nicht in dir… Das ist es, hier kommen Schönheit und Gnade zusammen, und das wusste ganz sicher auch Raffael,  das wusste schon Ephräm der  Syrer im 4. Jahrhundert, der Verse des Hohenliedes auf Maria bezog:Du allein (Christus) und deine Mutter sind über alles schön, keine Makel ist, o Herr, an dir, kein Fehl an deiner Mutter.“ Seit dem 14. Jahrhundert ist das Gebet in seiner heutigen Fassung verbreitet.
In der „Summa Theologiae“ des Thomas von Aquin (1225-1274) heißt es: „…schön wird das genannt, dessen Anblick Wohlgefallen hervorruft.“ Zur Qualität eines Kunstwerkes gehören Ganzheit, Vollkommenheit, Vollendung, Ebenmaß und Gleichklang. Diese theologische Bestimmung des Hochmittelalters war den Künstlern der Hochrenaissance zutiefst in Fleisch und Blut übergegangen. Raffael verlieh ihr einen besonders überzeugenden Ausdruck, der noch lange in volkstümlichen Marienliedern nachklingt.
Die Schönste von allen,
von fürstlichem Stand,
kann Schönres nicht malen
ein‘ englische Hand:
Maria mit Namen;
An ihrer Gestalt
all Schönheit beisammen
Gott selbst wohlgefallt.

Louis Pinck 1927


l

Samstag, 2. Juni 2012

Adolph Menzel, Fronleichnamsprozession in Hofgastein 1890




Fronleichnamsprozession im Jahre 1890 im salzburgischen Hofgastein, gemalt von Adolph Menzel (815-1905). Alles ist in Bewegung, die durch Vertikale – Baldachinstangen, Fahnen, Prozessionslaternen – noch besonders betont wird. Niemand schaut aus den Fenstern, alle sind dabei, beteiligt. Hier zeigt sich die geschlossene Welt einer weitgehend homogenen Gesellschaft, die ihre eigene Ordnung kennt und akzeptiert. Fronleichnam ist in der katholischen Kirche ein Hochfest, an dem man die leibliche Anwesenheit Christi in der eucharistischen Gestalt des Brotes feiert, das in einer Prozession durch die Öffentlichkeit von Dörfern und Städten getragen wird.
Diese Fronleichnamsprozession ist auch eine gesellschaftliche Selbstdarstellung. Voran die Fahnen der Bruderschaften , Kongregationen und anderen kirchlichen Vereinigungen, dann die Monstranz mit dem eucharistischen Bot unter dem Baldachin, dann die Honorationen – natürlich nur Männer -, dann das „Volk“, aufgeteilt in ständische Gruppen. Die Frauen sind ganz hinten, man sieht sie nicht.
Wer steht am Wege und ist in die Bewegung nicht einbezogen? Solche, die nicht knien können und solche, die nicht knien wollen. Auffällig und besonders hervorgehoben die Gestalten der rechten vorderen Bildhälfte, vermutlich Sommergäste, die ihren Spazierweg versperrt sehen und nicht weiter kommen. Der eine sieht den im Hintergrund  denkbaren Maler fast vorwurfsvoll und herausfordernd an und demonstriert auch so sein Desinteresse an dieser hinterwäldlerischen Abgeschmacktheit. Mit dem rechten Bein tritt er auf ein Bruchstück einer plastischen Architekturdekoration, von der noch ein Putto erkennbar ist. Die elegante Dame neben ihm gibt sich ihrem small talk mit einem Partner jenseits des Bildrandes hin, unbekümmert um die in Andacht und Anbetung versunkenen Nachbarn. Sie ist aus einer anderen Welt und kann mit diesem Ereignis nichts anfangen.
Noch ist solche Prozession keine Touristenattraktion, aber Menzel nimmt schon einen Beobachterstatus ein, der auf spätere Fernsehgewohnheiten hinweist. Das Bild ist gekennzeichnet durch einen flotten Pinselstrich mit viel Freude am Detail. Menzel hatte eine besondere Vorliebe für die farbigen und bewegten Erscheinungsformen des Katholizismus in Süddeutschland und Österreich.