Meine erste Begegnung mit der Sixtinischen Madonna
ereignete sich im Jahre 1955 in Berlin auf der Museumsinsel, die noch immer wie
ein großer düsterer Trümmerhaufen wirkte. Nur wenige Kilometer weiter lag Westberlin
als leuchtender Anziehungspunkt. Ich gehörte zum kunsthistorischen Führungsteam
der Nationalgalerie, in der die weltberühmten Bilder der Dresdener
Kunstsammlungen ausgestellt werden sollten, darunter die Sixtinische Madonna
von Raffael. Der propagandistische
Apparat, in dem das alles vor sich ging, übertönte alles. „Schätze der
Weltkultur – von der Sowjetunion übergeben“ war die Ausstellung betitelt. Wir
wurden auf die Version eingeschworen, dass die Schätze der Dresdner
Kunstsammlungen von den Nazis unter unzureichenden Bedingungen in
Bergwerksstollen versteckt worden und daraus von der siegreichen Roten Armee
„gerettet“ und zwecks vorbildlicher Konservierung in die Sowjetunion verbracht
worden waren. Und nun wurden sie in einer grandiosen Geste wieder einer neuen
deutschen Öffentlichkeit übergeben, um ihren Platz in der „antifaschistisch-demokratischen“
Ordnung der DDR zu finden, und das unmittelbar vor den Augen des Klassenfeindes
in Westberlin. Von ihrer Funktion als Kriegstrophäen und Beutekunst erfuhren
wir nichts, denn niemand hätte gewagt, über solche Hintergründe zu sprechen.
Ich kam gerade dazu, als die Madonna ihren Platz im
größten Saal der Nationalgalerie fand.. Die Kiste, in der sie transportiert
worden war, stand noch im Raum. Ich kannte das Kunstwerk vor allem von seiner
Funktion als Gebetbuchbildchen und frommen Zimmerschmuck. Es war eines der
ersten Bilder, die ich im Original entdecken konnte, nicht nur in
Schwarz-Weiß-Abbildungen. Man übertrug mir das Thema „Italienische Hochrenaissance“,
auf das ich mich besonders vorbereiten musste. Eine Beziehung zu diesem Bereich
habe ich damals nicht entwickeln können. Die Erfahrung des Kriegsendes und der
daraus entstehenden Folgen beherrschte noch immer alles. Überall herrschte
Mangel an allem. Die Sixtina schien mir kein Weg aus dieser Mangelsituation zu
sein und gewann nur mühsam einen Platz in meinem Leben.
Unter den studentischen Führungskräften befanden
sich potenzielle Aufsteiger und regimetreue Kader, die das marxistische
Vokabular schon gut beherrschten und auf die Interpretation der Kunstwerke
anwandten. Es war schwer, eine eigene Sprache zu finden, ohne dass sich die
allezeit wachsamen Ohren der Regimetreuen spitzten. Der mühsame Weg durch die dicht
gefüllten Landschaften der Dichter und Philosophen, die, wie Winckelmann,
Schlegel, Novalis, Hebbel und viele andere der Sixtina ihren Denkertribut
entrichteten, brachte mich in meiner Beziehungssuche auch nicht weiter. Das war
ja alles sehr schön und gedankenschwer, führte aber über die reine Information
hinaus nicht zum „Wissen“ und Erkennen. In meinen Führungen sprach ich über die
Malerei der Hochrenaissance, über die Ikonographie von Sixtus und Barbara,
erläuterte die Biographie und Bedeutung Raffaels und versuchte sein Frauenbild
in Worte zu fassen. Ich sprach zu Schulklassen, Betriebskollektiven,
Armeeangehörigen und anderen „fortschrittlichen“ Gruppierungen, die nun nach
dem Willen der Partei die „Höhen der Kultur erstürmen“ sollten. Mich ließ diese
Vermittlung unbefriedigt, denn das Eigentliche konnte und durfte ich nicht
sagen.
Und nun, über 50 Jahre später, steht die Sixtinische
Madonna anlässlich ihres 500. Geburtstages wieder im Mittelpunkt, vor allem in
Dresden. Im Jahre 1512
wurde das
Bild im Auftrag von Papst Julius II. für die neu errichtete Kirche San Sisto in
Piacenza gemalt und hing dort wenig brachtet über 200 Jahre. Kurfürst August
III. von Sachsen erwarb die Madonna Sixtina 1753 und machte sie zu einer
Dresdener Hausmarke, gab sie zur Verehrung durch die „Museumskirchenbesucher“
frei.
Heute sind es nicht mehr die Höhen der Kultur, die
es zu erstürmen gilt, jetzt ist es die Werbung für „die schönste Frau der
Welt“, die von Hochhausfassaden, von den Straßenbahnen und allen möglichen
geeigneten oder auch nicht geeigneten Flächen dafür sorgt, dass man der Sixtina
einfach nicht entkommen kann. Dazu ein riesiger Medienaufwand, eine Inflation
der Superlative und Kultrituale, die Pflichtauftritte großer Namen vor der Madonna
Sixtina.
Die schönste Frau der Welt… Eine Assoziation stellt
sich ein, die mir sehr nahe liegt: „Tota pulchra es, Maria, et macula
originalis non est in te.“ Ganz schön bist du, Maria, und der Makel der
Erbsünde ist nicht in dir… Das ist es, hier kommen Schönheit und Gnade
zusammen, und das wusste ganz sicher auch Raffael, das wusste schon Ephräm der Syrer im 4. Jahrhundert, der Verse des
Hohenliedes auf Maria bezog: „Du allein (Christus) und deine Mutter sind über alles schön, keine Makel
ist, o Herr, an dir, kein Fehl an deiner Mutter.“ Seit dem 14. Jahrhundert ist
das Gebet in seiner heutigen Fassung verbreitet.
In der „Summa Theologiae“ des Thomas von Aquin
(1225-1274) heißt es: „…schön wird das genannt, dessen Anblick Wohlgefallen
hervorruft.“ Zur Qualität eines Kunstwerkes gehören Ganzheit, Vollkommenheit,
Vollendung, Ebenmaß und Gleichklang. Diese theologische Bestimmung des
Hochmittelalters war den Künstlern der Hochrenaissance zutiefst in Fleisch und
Blut übergegangen. Raffael verlieh ihr einen besonders überzeugenden Ausdruck,
der noch lange in volkstümlichen Marienliedern nachklingt.
Die Schönste
von allen,
von
fürstlichem Stand,
kann Schönres
nicht malen
ein‘
englische Hand:
Maria mit
Namen;
An ihrer
Gestalt
all Schönheit
beisammen
Gott selbst
wohlgefallt.
Louis Pinck 1927