Gedanken zu einem Foto
Unser Foto zeigt eine
junge Dame in der repräsentativen Mode des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Der
voluminöse Hut scheint fast ein wenig zu schwer für die anmutige Gestalt.
Solche Hüte konnten sich zu wahren Kunstwerken steigern, und die Modistin war
einer der wenigen anerkannten Frauenberufe. Nachdem die Epoche des eher
bescheidenen Biedermeier ihr Ende gefunden hatte, setzte die Mode noch einmal
zu einem Steilflug an, beflügelt von den europäischen Kaiserhöfen Wien,
St.Petersburg und Berlin. Sie zeigte sich beeinflusst von alten Vorbildern und
neuen Sehgewohnheiten. Die hier vorgestellte junge Dame hätte sehr wohl das
Auge eines Edgar Degas, eines Claude Monet oder sogar das eines Adolph Menzel
entzücken können.
Diese junge Dame ist 23
Jahre alt, Tochter aus angesehenem adligen Haus. Die Kabinettaufnahme wurde
anlässlich ihrer Vorstellung bei Hofe 1899 angefertigt, und das Kleid wird
seine Schönheit und Harmonie erst so richtig beim Hofball entfalten, vor allem
bei den kreisenden Bewegungen des Walzers. Der Hof des Großherzogs von
Mecklenburg-Schwerin hat sich in der kleinen Sommerresidenz Ludwigslust
versammelt, gesteuert von Repräsentation und Protokoll. Und die junge Dame ist
Gertrud von le Fort, die zwanzig Jahre später den Zusammenbruch dieser Welt der
Schönen und Reichen erleben und ein literarisches Werk von Weltgeltung schaffen
wird.
